Freistaat Kärnten, ja bitte

  • The Carinthian Way of Life: Jörg Haider sorgt beim Villacher Faschingsumzug für grenzüberschreitenden Humor.
    foto: apa

    The Carinthian Way of Life: Jörg Haider sorgt beim Villacher Faschingsumzug für grenzüberschreitenden Humor.

Vorauseilende Einführung in die Vorzüge des Neo-Leileiismus - Von Egyd Gstättner

Das wahre Genie ist eigentlich herkunftslos und nicht ableitbar, weder von seinen Eltern, noch von seinem Geburtsland, noch von der Stadt, in der es lebt. Anstatt aus der Mutter gepresst zu werden, ist es einfach aus dem Ozean gestiegen, existiert wie ein Monolith in Niemandsbuchten, auf Gebirgsgipfeln in ewigem Eis und Schnee, durchwandert endlose Wüsten, hält sich von den Menschen und vor allem von den Mächtigen fern und lebt ausschließlich sein Werk. Anstatt zu sterben, löst es sich einfach in Unsterblichkeit auf.

Leider hat aber irgendein außerösterreichischer Spion herausgefunden, dass ich aus Kärnten stamme, aus dem Wörthersee gestiegen bin und seither dort am Strand lebe. Gerüchte kann man bekanntlich nur bestätigen. Also gebe ich zu, dass die endlose Wüste, die ich durchstreife, Klagenfurt heißt. Jetzt bin ich natürlich disqualifiziert: Pech!

Zu meiner Verteidigung möchte ich anführen, dass es bei entsprechender Lebensführung auch möglich ist, in einer kleinen Stadt wenige Menschen zu kennen: ein Monolith am Lendkanal. Jedenfalls: Wo immer in der Welt ich drei Sätze spreche, und sei es über den Sartre'schen Existentialismus, den Nihilismus des Gorgias, den Begriff der Saudade bei Pessoa oder das tragische Lebensgefühl des Miguel de Unamuno, heißt es sofort: "Mei lieb! Ein Kärntner!"

Nicht, dass man mich falsch versteht: Das hat schon auch Vorteile. Nach der topografischen Zuordnung kommen bei sterbenslangweiligen, steifen Vernissagen, Midissagen, Finissagen immer wieder schöne Frauen aus anderen Bundesländern auf mich zu und flüstern mir ins Ohr: "Stimmt es, was man von euch behauptet?" Ich flüstere dann zurück: "Ja, es stimmt!" Trotzdem fühle ich mich ein wenig diskriminiert. Mein ganzes Leben widme ich geistigen Tätigkeiten - und alles umsonst. Den Kärntnern geht es wie den Blondinen: Nur dass sie nicht blond und zur Hälfte männlich sind ...

Zur generellen Besserstellung von Land und Leuten bin ich - obgleich Fremder im eigenen Land - natürlich für den Geniestreich, einen "Freistaat Kärnten" zu gründen. Die Vorteile liegen ja auf der Hand: Endlich, endlich hat der FC Kärnten eine seriöse Chance, Kärntner Staatsmeister zu werden (wenn man im Finale gegen St. Andrä einen guten Tag erwischt).

Die Eishockeymeisterschaft wird in Form von 60 Derbys ausgetragen und die Autobahn zwischen Klagenfurt und Villach zu diesem Zweck auf 8 Fahrstreifen verbreitert (selbstverständlich Tempo 160!). Und endlich kann man am Packsattel, bei Friesach, Rennweg und Oberdrauburg seinen schicken neuen Reisepass ("Republik Kärnten" - gültig für alle Länder der Welt) zücken. Endlich sind wir dann auch wieder ein Rechtsstaat. (ganz automatisch).

Besuchen Fremde unser Land, werden sie künftig an der Grenze die Broschüre The Carinthian Way of Life studieren müssen, eine Art Verhaltenskodex. Hier ein paar Auszüge:

1. Korrekte Anrede des Staatschefs: "Griasdi!" Sinnvoller Zusatz: "Jörgi". Weniger freundlich: "Dr. Haider". Ganz schlimm: "Haider".

2. Was immer Sie politisch wollen: Schicken Sie doch vorher ein paar rote Rosen an Frau Haider.

3. Was immer Sie politisch wollen: Schicken Sie außerdem einen Strauß Rosen an: Fr. Dr. Haider jun., z.H. Kärntenwerbung.

4. Sie interessieren sich für zweisprachige Ortstafeln? Unternehmen Sie einen Tagesausflug nach Istrien!

5. Richtiges Verhalten bei Faschingssitzungen: Vorher ansaufen! Nicht erst während der Vorstellung. Dann geht's. 6. Aschermittwoch. Fortsetzung des Faschingsdienstags. (Leileiismus).

Wollen Sie hier politische Karriere machen, beachten Sie folgendes Anforderungsprofil: Alter zwischen 25 und 30 Jahren (bitte nicht älter), männliches Geschlecht. Nacktoberkörperabbildung beim Shooting für den Jungpolitikerkalender. Vollmundige Anschüttung des Verfassungsgerichtshofspräsidenten (nicht schwer: Verwenden Sie einfach die diesbezüglichen Phrasen Ihres Vorgängers). Anschüttung der politischen Konkurrenz. Anschüttung Andersdenkender. Anschüttung religiöser Führer. Abgeschlossenes akademisches Studium kein Ausschlussgrund, aber eher nachteilig. Keine intimen Beziehungen, keine Fortpflanzung mit weiblichem Parteiführungspersonal. Keine Egotrips. Lobbying. Mobbing.

Geboten wird: leichte, interessante Tätigkeit. Angenehmes Arbeitsklima in netter Atmosphäre. Schöne Reisen, vor allem in den Orient. Intensive mediale Präsenz; Studium bedingter Reflexe im Journalismus. Wanderungen mit den Kollegen. Orange Straßenarbeiterjacke als Geburtstagsgeschenk. Gut dotierter Versorgungsposten in irgendeinem Aufsichtsrat im Anschluss an die Degradierung. Theoretisch auch Finanzminister bei einer anderen Partei. Oder sonst halt bei Stronach. Unmittelbare Nähe des Parteichefs, heißer Atem.

Aber nicht nur für den einfachen Kärntner von der Straße, auch für einen wie mich bedeutete die staatliche Souveränität einen Quantensprung der Lebensqualität: Mit einem Schlag publiziere ich regelmäßig in ausländischen Medien! Bücher in ausländischen Verlagen! Ich bin ein Dissident, gewissermaßen. Staatsbesuche in Wien, Graz und Lienz! Lesereisen in die westliche Welt! Mein Gott, wenn meine Gastgeberinnen und Gastgeber da draußen in Salzburg und Oberösterreich durchaus darauf bestehen, dehne ich gerne den einen oder anderen Vokal - aber nicht ohne Gegenleistung!

Schon lange stört mich, dass der österreichische Staatspreis für Europäische Literatur immer nur an Ausländer vergeben wird - jetzt bin ich plötzlich wieder im Rennen! Bis es soweit ist, finden Sie, liebe Restösterreicher, mich, wo sie mich immer finden: Mächtigenfremd und menschenscheu in Wüsten, in Niemandsbuchten zwischen Felsenwänden. Möglichst laut tosend. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.2.2007)

Egyd Gstättner ist Schriftsteller in Klagenfurt.
Share if you care