In der Markthalle geht's um die Wurst

6. September 2007, 15:21
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"Viele Familien werden ohne Brot sein" - Standler und Kunden wehren sich gegen die Schließung des Landstraßer Marktes

Wien – "Die Wurst im Supermarkt hat ka Individualität. Hier hat jeder Fleischer an Renner, a Hausmarke sozusagen." Julius Greger betreibt in vierter Generation einen Fleischstand am Landstraßer Markt, seit 1979 in der oberen Etage der damals neu errichteten Halle an der Invalidenstraße. In der Vitrine sind ausgewählte Wurstspezialitäten und Geselchtes ausgelegt, ein Angebotsschild preist "Wiener im Ganzen, ab 1 Kg 5 Euro" an. Was er machen wird, wenn die Markthalle, wie vor wenigen Tagen angekündigt, aufgelassen wird? "Lang nachdenken und nicht schlafen", antwortet der charmante Schnauzbartträger und runzelt die Stirn. "Es ist ja nicht nur, dass wir weg müssen. Mit der letzten Wiener Markthalle geht auch die Wiener Originalität". Und überhaupt sei Fleischer ein aussterbender Beruf, sorgt sich der 44-Jährige weniger um seine eigene als um die Zukunft seiner Zunft.

Seit bekannt ist, dass die Standler ihre angestammten Plätze bis Ende des Jahres verlassen müssen, herrscht Nervosität in den neonbeleuchteten Gängen, durch die der würzig-beißende Geruch der Fleischwaren flutet. In ihren weißen, mit Blut bespritzten Mänteln stehen Standler und Lieferanten zusammen und schimpfen über die "Großkopferten", die über ihre Köpfe hinweg entschieden haben, dass sich eine nötige Sanierung des Marktes nicht mehr rentiert.

"Ohne Brot"

"Viele Familien werden ohne Brot sein", glaubt Slobodan Stankovic. Der 60-jährige Fleischhauer, der seit 1972 seinen Stand betreibt, sieht keine Chance, noch Arbeit zu finden. Ob die Ablöse, die ab Juni verhandelt werden soll, reichen wird, um sein Haus abzubezahlen, bezweifelt er. Als Selbstständiger hat er auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

"Ich will nichts Vorgeschnittenes im Supermarkt einkaufen", regt sich eine Stammkundin auf, die seit 40 Jahren drei bis vier Mal pro Woche in die Halle kommt, um "nahezu alles" zu besorgen.

Fast alles im Sortiment hat auch Belgacem Saoudi, der es in seiner 20-jährigen Tätigkeit als Eigentümer von "Onkel Sam‘s Obst- und Gemüsehandel" auf drei prall gefüllte Stände im Erdgeschoß gebracht hat. "Ich habe meine körperliche und geistige Kraft investiert", beteuert der 46-jährige Vater von drei Kindern und Arbeitgeber von vier Angestellten. "Wer zahlt die Schulden? Ich zittere vor Angst." Bei seiner Frau, Chefin Monika Saoudi, dominiert Zorn vor Angst: "Ich finde die Vorgangsweise zum Kotzen."

Das Gerücht über eine Schließung durch den Neubau des angrenzenden Bahnhofs Wien-Mitte sei schon länger im Umlauf, die knappe schriftliche Ankündigung vom 7. Februar, dass die Markthalle in das geplante Einkaufszentrum integriert werden soll, traf die Standler dennoch überraschend.

"Allein gelassen"

Bis vor kurzem galt offiziell als fix, dass die 5000 m²-Halle modernisiert und gleichzeitig mit dem Gesamtprojekt Wien-Mitte wieder für den Markt geöffnet wird. Die Stadt müsse jährlich 1,4 Millionen Euro zur Erhaltung des Marktes zuschießen, eine Generalsanierung würde zwischen zehn und 20 Mio. Euro kosten – wirtschaftlich nicht vertretbar, heißt es nun von der zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger (SP). Für die Standler sollen Ersatzstandorte, etwa in leerstehenden Lokalen, gefunden werden.

"Die Leute haben das Gefühl allein gelassen zu werden", fasst ein Mitarbeiter des Marktamts die allgemeine Stimmung zusammen. "Es gibt keinen Ansprechpartner."

Auf den will Monika Saoudi nicht warten: Die energische Marktfrau, die weniger liquiden Kunden gern anschreiben lässt, schreibt Protestmails, organisiert Sitzungen unter den Kaufleuten und sammelt Unterschriften gegen die "Vernichtung von 300 Arbeitsplätzen" und die "Packelei" der Stadtregierung mit den Bauträgern. "Nur in der Gruppe sind wir stark" meint Saoudi – und widmet sich fürsorglich dem nächsten Kunden. (Karin Krichmayr, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Februar 2007)

  • Nach 20 Jahren als selbständiger Standler am Landstraßer Markt fürchtet Belgacem Saoudi wie viele andere seiner rund 50 Kollegen um seine Zukunft.
    foto: standard/christian fischer

    Nach 20 Jahren als selbständiger Standler am Landstraßer Markt fürchtet Belgacem Saoudi wie viele andere seiner rund 50 Kollegen um seine Zukunft.

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