Spürnase für Entzündungsherde und Geld

20. Februar 2007, 18:55
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Der österreichische Biochemiker Wolfgang Junger im STANDARD-Interview über Zukunftspläne

Der österreichische Biochemiker Wolfgang Junger, der im vergangenen Jahr mit einer Arbeit über Entzündungsmechanismen Aufsehen erregte, wechselt an die Harvard Medical School. Stefan Löffler sprach mit ihm über Zukunftspläne und Übersiedelungsgründe.

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STANDARD: Mitte Dezember haben Sie einen viel beachteten Bericht in „Science“ veröffentlicht, nun haben Sie den Ruf an die Harvard Medical School. Das ging rasch, oder?

Junger: Harvard will mich haben, weil ich Forschungsgeld aufstellen und damit ein kontinuierlich produktives Labor erhalten kann. Ich habe zwei Grants vom National Institute of Health und bin immer wieder vom Militär gefördert worden. Wer hier in den USA kein Geld aufstellt, muss seine Leute feuern und frisch beginnen. Ins Gespräch mit Harvard kam ich lange vor dem Bericht.

STANDARD: Sie haben gezögert?

Junger: Ich hatte weitere Angebote, etwa von der Boston University und von der University of Missouri in Kansas City. Vor einem Jahr hat mich ein Headhunter angerufen.

STANDARD: Woher wusste der, dass Sie wechseln wollten?

Junger: Der Kliniker, mit dem ich in San Diego viele Jahre zusammengearbeitet hatte, ist an die University of California Irvine gewechselt. Ich hätte als sein Forschungsdirektor nachkommen können, aber Irvine liegt südlich von Los Angeles, und die Hauspreise dort sind enorm. Im Gegensatz zu Kansas City, was deshalb meinen Mitarbeitern gut gefallen hätte. Ich war nicht abgeneigt, und Kansas war hartnäckig, obwohl ich auf Rat eines Kollegen ein riesiges Gehalt gefordert habe. Die Dekanin ist eigens nach San Diego geflogen, um mich zum Essen auszuführen. Sie bat mich, einen Millionär zu treffen, der meine Professur bezahlen sollte.

STANDARD: Hat San Diego versucht, Sie zu halten?

Junger: Schon, aber hier in Südkalifornien setzt man letztlich darauf, dass das Klima die Leute hält oder anlockt.

STANDARD: In Boston erwartet Sie mehr Regen und auch teure Immobilien.

Junger: Leider, aber Harvard hilft bei der Suche nach einem Haus, nach Wohnungen für meine Mitarbeiter, nach einem Job für meine Frau bis hin zu Jobs für die Partner meiner Mitarbeiter.

STANDARD: Mit vier Mitarbeitern ist Ihre Gruppe recht klein.

Junger: Aber im Wachsen. Man kann viel mit Studenten machen, die neben den vier Mitarbeitern einen Großteil der Gruppe darstellen. Harvard hat zwar selbst nicht viele Doktoranden, aber das M.I.T., Northwestern University und Boston University sind alle nicht weit. Außerdem hoffe ich, dass Europäer mit mitgebrachten Stipendien dazustoßen. Harvard gibt mir immerhin Geld für eine weitere Stelle für mein Labor. Ich habe dort einen mächtigen Fürsprecher, den Chirurgen Joe Fischer, dessen Familie auch aus Österreich stammt. Fischer ist ein wichtiger Grund für mich, nach Harvard zu gehen.

STANDARD: Interessiert er sich für Ihre Arbeit über die molekularen Vorgänge bei Entzündungen?

Junger: Ja, er will in Harvard die Forschung in Traumatologie ausbauen.

STANDARD: In Ihrem „Science“-Aufsatz erklären Sie, wie weiße Blutkörperchen Entzündungsherde aufspüren. Was konnten Sie Neues berichten?

Junger: Wir konnten erstmals zeigen, dass weiße Blutkörperchen dazu Adenosintriphosphat, kurz ATP, freisetzen, das ihnen hilft, Entzündungsherde zu finden.

STANDARD: Ist denn niemand früher draufgekommen, wie ATP zur Immunreaktion beiträgt?

Junger: Nein. Wir haben eine Technik entwickelt, mit der die Freisetzung von ATP unter dem Fluoreszenzmikroskop beobachtet werden kann. Einige Kollegen haben unsere Technik bereits aufgegriffen, um die Rolle von ATP in anderen Zellsystemen zu beobachten. Das macht mich optimistisch, dass unser Beitrag von großem Nutzen ist und dass wir sehr viel zitiert werden. Wir haben zudem gezeigt, dass ATP-Freisetzung auch in lebenden Tieren mit Infektions- oder Entzündungskrankheiten eine sehr große Rolle spielt.

STANDARD: Sie zeigen einen Mechanismus auf, wie man die Wirkung von ATP hemmen kann. Aber ohne ATP würden Verletzungen doch nicht heilen?

Junger: Richtig, aber bei chronischen Entzündungen wie Athritis will man, dass die weißen Blutkörperchen nicht ständig eingreifen. Oder nehmen Sie eine Sepsis, bei der sich eine am Entzündungsherd noch gesunde Abwehrreaktion zu einer Entzündung des ganzen Körpers ausbreitet und damit zur umfangreichen Gewebsschädigung führt.

STANDARD: Was heißt das für neue Medikamente?

Junger: Man muss sehen, wie man aufgrund unserer Erkenntnisse neue Wirkstoffe gegen Rheuma, Asthma und andere chronische Infektions- und Inflammationskrankheiten entwickeln kann.

STANDARD: Haben Sie da nicht mit der Veröffentlichung gezögert?

Junger: Zugegeben, ich hätte schon gerne ein Patent. Aber mein Job als Wissenschafter ist es nicht, reich zu werden, sondern medizinisches Wissen zu erwerben und zu verbreiten.

STANDARD: Sie waren jetzt in Österreich: Welche Hintergründe hatte der Abstecher?

Junger: Ich bin mit einigen Kollegen im Gespräch, in Wien etwas in Ansätzen Ähnliches wie in Harvard aufzubauen: Mehrere Gruppen zu vernetzen, damit in der Medizin mehr zusammengearbeitet wird. Aber es wäre nicht klug, Namen und Institutionen zu nennen.

STANDARD: Was treibt Sie an?

Junger: Als ich in Wien studiert habe, war das Studium ausgezeichnet und kostenlos. Ich möchte Österreich gerne etwas zurückgeben von dem, was ich in den USA gelernt habe, nämlich erfolgreich Forschungsgeld einzuwerben und Forschung so zu planen, dass man mit wenig Aufwand viel herausholt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21. Februar 2007)

Zur Person
Wolfgang Junger (47) hat an der Technischen Universität Wien in Technischer Biochemie promoviert. Das Spezialgebiet des gebürtigen Salzburgers sind Entzündungen. 1991 kam Junger als Postdoc an die University of California, San Diego, die ihm, als er begonnen hatte, von einer Rückkehr nach Österreich zu sprechen, sofort eine Professur übertrug. Im Mai wechselt Junger nach Harvard. Er ist mit einer japanischen Mikrobiologin, Sachiko Namiki, verheiratet. (stlö)

Link
Wolfgang Junger
University of California, San Diego School of Medicine

  • Der Wissenschafter Wolfgang Junger will in Österreich in Ansätzen "Ähnliches wie in Harvard" aufbauen: Gruppen vernetzen, damit in der Medizin mehr zusammengearbeitet wird.
    foto: der standard/junger

    Der Wissenschafter Wolfgang Junger will in Österreich in Ansätzen "Ähnliches wie in Harvard" aufbauen: Gruppen vernetzen, damit in der Medizin mehr zusammengearbeitet wird.

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