Angriff auf steuerliche Förderung

20. Februar 2007, 17:50
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An der Frage, wie viel Hightech Österreichs Forschung braucht, und woher diese kommen soll, scheiden sich die Geister

An der Frage, wie viel Hightech Österreichs Forschung braucht, und woher diese kommen soll, scheiden sich die Geister. Als ein Hebel gilt zunehmend die steuerliche Förderung.

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Sind drei Prozent Forschungsquote genug? Wie sehr muss sich die österreichische Volkswirtschaft vor den Emerging Markets des ehemaligen Ostblocks fürchten? Gerät Österreich mit seinen Strukturschwächen und ohne quantitativ bedeutende Hightechindustrie in eine Niedriglohnfalle? Muss das Innovationssystem völlig umgebaut werden, um den notwendigen Strukturwandel zu schaffen?

„Nur keine Panik“, meinen die Wirtschaftsforscher Andreas Schibany, Helmut Gassler und Gerhard Streicher von Joanneum Research. Wohl mahnen die drei in ihrem neuesten InTeReg-Working Paper ein, dass dem österreichischen Fördersystem mehr Effizienz und Effektivität gut täte, Benchmark-Hysterie sei aber ebenso wenig angebracht wie ein völliger Umbau des Fördersystems.

Im Gegenteil, das österreichische Innovationssystem weise ein erstaunlich hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf, um die neuen Herausforderungen zu bewältigen, so die gleich eingangs im „Abstract“ festgehaltene Einschätzung.

Aber: Es gibt einige Rädchen, an denen tunlichst gedreht werden sollte, um das „Land der Imitatoren“ strukturell in ein Land „Land der Innovatoren“ zu transformieren, wie dies auch von Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo massiv empfohlen wird. Eines der Rädchen, an dem gedreht werden sollte, das kristallisiert sich auch im Gespräch mit dem Ökonomen Gunther Tichy, bis vor Kurzem Professor der Akademie der Wissenschaften, heraus, ist die indirekte Forschungsförderung. Diese Möglichkeit der steuerlichen Geltendmachung (i.e. Forschungsfreibetrag, Forschungsprämie etc.) beläuft sich demnächst auf ein Volumen von fast 500 Millionen Euro jährlich (ist damit bald umfangreicher als die direkte Förderung, Anm.) und somit eine gewaltige Hebelwirkung erzeugen. „Könnte“, relativiert Schibany, denn „derzeit ist die steuerliche Förderung eine reine, völlig undifferenzierte Wirtschaftsförderung, bei der ein paar Große kassieren.“

Laut Wifo-Berechnungen wird die steuerliche Förderung derzeit zu neun Zehntel von Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten in nur drei Branchen genutzt. Sie sollte daher deutlich reduziert, oder noch besser, gedeckelt werden, schlägt Schibany vor. Um Klein- und Mittelbetriebe nicht zu schädigen, sollten nur mehr F&E-Aufwendungen bis zu einem Betrag von acht Millionen Euro pro Jahr steuermindernd berücksichtigt werden. Das würde Millionenbeträge frei machen, die in Strukturprogramme à la FIT-IT, Lisa oder Gen-AU fließen könnten, die allesamt auf Hightech-Förderung abzielten.

Tichy verfolgt einen radikaleren Ansatz. Er plädiert dafür, das frei werdende Geld in Initiativen wie Nanotechnologie, Materialwissenschaften und/ oder Biotech umzuleiten, allerdings nicht quer Beet, „sondern ausschließlich in Initiativen für radikale Innovationen“. „Mut zum Risiko ist notwendig“, betont Tichy im Gespräch mit dem Standard, sonst sei die dringend notwendige Steigerung von Hightech in der Wertschöpfung nicht zu bewerkstelligen.

Die Statistik scheint ihm Recht zu geben: Obwohl der Anteil der Hochtechnologie an der Forschung seit den Neunzigerjahren enorm (auf fast 45 Prozent) erhöht wurde, sei jener an der Wertschöpfung kaum (auf etwas mehr als zehn Prozent) gestiegen (siehe Grafik). „Das Geld muss für wirklich neue und riskante Dinge ausgegeben werden, vor allem bei Klein- und Mittelbetrieben“, verlangt Tichy. Denn KMU bräuchten deshalb besondere Unterstützung, weil sie einen größeren Flop – im Gegensatz zu Großkonzernen – nicht ausgleichen könnten, sondern augenblicklich kollabieren würden. Darauf sei Rücksicht zu nehmen.

Hightech or No-Tech

Die Meinung, dass die nach OECD-Kriterien als Lowtech klassifizierte Nahrungs- und Genussmittelindustrie ihren Aufholprozess längst abgeschlossen habe und daher weniger nachhaltig oder „wertvoll“ sei als die so genannte Hightech-Branche sei, teilen die Joanneum-Experten übrigens ganz und gar nicht. Im Gegenteil, Klassische Low-tech-Industrien wie Textil, Holz oder Chemie verwendeten zur Herstellung ihrer Produkte längst Hightech und seien daher anders – stärker – zu gewichten, weil unabdingbar für den Wirtschaftsstandort. Es stelle sich vielmehr die Frage, ob eine Branchenklassifizierung allein nach der Höhe der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) überhaupt noch richtig und aussagekräftig sei.

Dass der – nicht zuletzt aus dem überdurchschnittlichen Erfolg der österreichischen Betriebe im hohen Mitteltechnologie-Sektor resultierende – Mangel an klassischer Hightech rasch und vor allem mit einem radikalen Umbau der Förderstrukturen zu bewerkstelligen sei, glauben weder Tichy noch Schibany. Auch eine Erhöhung der Transferzahlungen würde strukturell nur dann etwas bewegen, wenn sie auf radikale Hightech-Innovationen konzentriert würden. Radikal reformiert gehört laut Tichy natürlich das Bildungssystem, um die Humankapitalbildung zu verbessern (Stichwort Techniker- und Akademikermangel). Die Eckpunkte einer Reform: (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 21. Februar 2007)

  • Wirtschaftsforscher Andreas Schibany ist gegen Benchmark-Hysterie.
    foto: der standard/joanneum research

    Wirtschaftsforscher Andreas Schibany ist gegen Benchmark-Hysterie.

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    Gunther Tichy verlangt, das Geld für neue und riskante Dinge auszugeben.

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