Nur 20 Prozent adäquat behandelt

26. Juli 2007, 13:29
posten

Leitlinie und Patien­teninformation zu depressiven Erkrankun­gen vorgestellt - Krankheit wird oft nicht oder zu spät erkannt

Wien - 650.000 Österreicher leiden an Depressionen. Doch nur weniger als ein Viertel wird gut behandelt, obwohl die modernen Antidepressiva bei 70 Prozent der Therapierten einen guten Effekt haben. Darauf verwiesen am Dienstag Fachleute aus Anlass der Präsentation einer neuen Leitlinie von "Arznei & Vernunft" (Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen/Pharmig und Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Ärzte ) zur Behandlung dieses echten Volksleidens.

Medizinische Herausforderung

"Die depressive Erkrankung stellt eine der größten Herausforderungen für alle Systempartner dar. 2004 waren es 1.400 Menschen, die in Österreich Selbstmord verübt haben. Es sollten alle Maßnahmen gesetzt werden, um das zu verhindern", sagte Beate Hartinger, stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.

Ein Viertel der Frauen betroffen

Der Salzburger Psychiater Christoph Stuppäck stellte das Problem der Depressionen in Datenform dar: "In Österreich leiden am heutigen Tag etwa 650.000 Menschen an Depressionen. Im Laufe ihre Lebens sind 25 Prozent der Frauen und zwölf Prozent der Männer betroffen. Vermutlich erhalten weniger als 20 Prozent der Betroffenen eine adäquate Therapie. 80 Prozent der Betroffenen erleiden nach einer ersten Episode eine neuerliche. Es ist dann eine lebensbegleitende Erkrankung."

Kostenfaktor

Bei 21 Millionen Depressions-Patienten in Europa sind die Folgekosten enorm. Laut einer schwedischen Studie werden dafür 118 Mrd. Euro pro Jahr aufgewendet. Ein Drittel der Kosten entfallen auf die Therapie (nicht nur Medikamente). Zwei Drittel sind Folgekosten wie Frühpensionierungen, Krankenstände etc. In Österreich dürften die Gesamtaufwendungen bei 370 Millionen Euro liegen. Der Salzburger Experte: "Würde man mehr in die Therapie investieren, würde man die Folgekosten dramatisch reduzieren können."

Neue Leitlinie

Genau das soll die neue Leitlinie auch erleichtern. Diagnose, Therapie und Nachsorge wurden von einem Expertengremium der Initiative, an der auch die Ärzte- und die Apothekerkammer beteiligt sind, in einer Broschüre zusammengefasst, die es vor allem den Allgemeinmedizinern erleichtern soll, sachlich und ökonomisch vertretbar den vielen Betroffenen zu helfen. Univ.-Prof. Dr. Klaus Klaushofer: "Die Depression beeinflusst die Lebensqualität der Menschen beträchtlich." Eine gute Therapie würde es speziell älteren Menschen ermöglichen, länger eigenständig zu leben. Wichtig wäre aber überhaupt erst eine Diagnose bei den Betroffenen. Pharmig-Präsident Hubert Dreßler: "Man hat wenig davon, wenn man die tollsten Leitlinien erstellt - und dann halten sich die Partner nicht daran."

Mittlerweile gibt es zahlreiche verschiedene, prinzipiell gut verträgliche und wirksame Antidepressiva. Man weiß aber nie vorher, ob ein Medikament bei einem spezifischen Patienten auch wirkt. Bei etwa gleicher Wirksamkeit der verschiedenen Klassen der modernen Arzneimittel kommt es besonders darauf an, die Nebenwirkungen zu minimieren. Dr. Christiane Körner, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekerkammer: "Das teuerste Arzneimittel ist jenes, das nicht geschluckt wird." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.