Der Handschuh

22. Februar 2007, 21:20
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Die Frau im U-Bahnaufgang lächelt und singt. Gospel. Außerdem verkauft sie den Augustin

Es war gestern. Da war P. - als ich sie dann mit ordentlicher Verspätung zurückrief - immer noch ziemlich fassungslos. „Wer macht so was?“ fragte sie immer wieder. Und weil wir beide weder im Wort- noch im übertragenen Sinn eine Antwort auf diese Frage wussten – und das eigentlich auch keinen Unterschied gemacht hätte - übertrug sich die Betroffenheit von P. auf mich. Obwohl ich das B-Wort ob seiner Abgelutschtheit eigentlich gar nicht mag.

P. steigt nämlich an derselben Station aus der U-Bahn wie ich. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil auch P. beim Standard werkt. Und so wie alle, die in der Früh in der Station Herrengasse aus der U3 kommen, kennt sie daher die Augustinverkäuferin, die hier die Frühschicht innehat: Eine ausnehmend nette Frau, die knapp hinter der Absperrung steht, uns ihre Zeitungen entgegenstreckt – und singt. Genau: Die Frau singt. Leise und ständig.

Klischee

Und obwohl das jetzt ein Klischee ist und ich noch nie stehen geblieben bin um ihr ein bisserl länger zuzuhören, glaube ich, dass das Gospel sind. Oder so Zeug. Außerdem lächelt die Augustinfrau. Mehr noch: Sie begrüßt uns, wenn wir von der Rolltreppe nach oben gespült werden. Und „wir“, das ist jeder: Die Dame beherrscht die Kunst, einer ganzen Menschenmenge so zuzunicken, dass sich jeder einzelne persönlich Willkommen geheißen fühlt. Egal ob man kauft oder nicht. Und weil es halt wirklich so zurückschallt wie man in den Wald hineinruft, hat es sich eingebürgert, dass etliche Aussteiger die Frau eben auch grüßen. Und selbst mit einem Lächeln im Gesicht auf die Straße hinauf kommen

Gestern aber, erzählte P., sei da knapp bevor sie durch die Barriere gekommen sei, ein kleiner Tumult um die Augustinfrau ausgebrochen. Und aus dem Singsang wurde Geschrei. Aber so genau, sagt P., habe sie nicht gesehen, was da gerade passiert sei. Nur als sie dann bei der Augustinfrau angekommen sie, habe sie gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte – und blieb stehen.

Zu schnell

Die allmorgendliche Begrüßerin der Herrengasse sei, erzählte P., völlig fassungslos gewesen. Und hatte selbst noch gar nicht verstanden, was ihr da soeben widerfahren sei: Plötzlich, erzählte sie, habe sich eine Frau aus dem Strom der an ihr Vorbeigehenden gelöst, sie auf sie zu und habe ihr den Handschuh von der Hand gezogen. Wortlos und so, als ob das das Selbstverständlichste von überhaupt sei. Und noch bevor sie, die Augustinfrau, überhaupt überreissen konnte, was da geschah, sei die Frau schon auf der Rolltreppe gewesen. Und damit weg.

Natürlich, meint P., könne man jetzt sagen, dass die Schwere des Übergriffs und der verursachte Schaden doch vergleichsweise marginal seien. Aber darum gehe es nicht. Überhaupt nicht. „Diese Frau tut keiner Menschenseele was. Ganz im Gegenteil. Sie macht allen den Tagesanfang ein bisserl schöner. Drum verstehe ich das noch weniger als ich es sonst auch nicht verstehen würde: Wer tut so was?“

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