Kräuter sind nicht immer Heilkräuter

20. Februar 2007, 21:26
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Besonders beim Fasten gelten Tees als ideales flüssiges Beiwerk – Doch nicht alle Kräuter haben den Wirkstoffgehalt von Heilkräutern – Ein Expertengespräch

Ob in der Apotheke, in der Drogerie oder im Supermarkt – das Angebot für entschlackende, entgiftende und reinigende Tees gibt es überall. Die Unterschiede liegen im Detail: Mit Anbaumethode oder Wirkstoffgehalt. Im Interview mit Andrea Niemann erklärt der für die Qualitätssicherung und Forschung von Waldviertler Kräutern zuständige Rudolf Marchart, die wichtigsten Unterscheidungen.

derStandard.at: Wie kann man sich die Heilkräuterproduktion heute vorstellen?

Marchart: Wir produzieren tausende Kilogramm und verkaufen die Chargen an den Großhandel. Der splittet die Kräuter auf und beliefert damit dann einzelne Apotheken. Früher haben sich Apotheker auch direkt bei Landwirten eingedeckt. Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Da die Prüfungen bei den Kleinstmengen kostenmäßig nicht rentabel wären.

derStandard.at: Welche Prüfungen werden bei Heilkräutern, die es nur in Apotheken und Drogerien gibt, gemacht?

Marchart: Wir verkaufen viele unserer Produkte an die Pharmabranche und die ist verpflichtet jede einzelne Charge auf mehrere Parameter zu überprüfen: Für die Qualitätskontrolle, wie Hygiene werden zum Beispiel Gesamtkeimzahlbestimmungen gemacht.

Die Planzenschutzmittelrückstände werden mittels HDLC Analysetechnik im Labor nachgewiesen und richten sich nach der Pflanzenschutzmittel- Höchstmengen- Rückstandsverordnung. Diese bezieht sich auf den gesamten EU Raum und regelt konkret wie viel Pflanzenschutzmittelrückstände enthalten sein dürfen. Und der dritte Parameter ist die Schwermetallbelastung wie zum Beispiel Cadmium, Blei und Quecksilber.

derStandard.at: Das sind die Qualitätskontrollen, die noch keine pharmakologische Wirkung garantieren.

Marchart: Die pharmazeutische Qualität wird über das Arzneimittelbuch definiert. Da muss der erforderliche Mindestwirkstoffgehalt in der Droge enthalten sein. Bei Johanniskraut zum Beispiel ist der Wirkstoff das Hyperizin. Dieses muss zu mindestens 0,12 Prozent enthalten sein.

derStandard.at Und bei Kräutern aus biologischer Landwirtschaft?

Marchart: Von unseren 800 Landwirten sind 200 Biobauern. Wir beliefern sowohl als auch, das heißt wir haben beide Produktschienen. Im Biolandbau gibt es prinzipiell in ganz Europa die Bioverordung 20-92/91.

Das ist die Grundvoraussetzung wie ein Biobauer in Europa produzieren muss und auf welche Betriebsmittel er zurückgreifen darf.

derStandard.at Das heißt Biokräuter unterliegen den gleichen Richtlinien wie alle Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau?

Marchart: Ja genau. Dazu zählt zum Beispiel bei Pilzbefall die genaue Höchstmenge wie viel Kupfer gespritzt werden darf und auch, dass nicht auf synthetische Fungizide zurückgegriffen werden darf. Bei der Düngung wird kein Mineraldünger verwendet, nur Wirtschaftsdünger oder Kompost. Und auch das Ausgangsmaterial muss aus biologischem Ursprung sein.

derStandard.at Damit ist aber die pharmazeutische Wirkung, also die heilende Wirkung bei Biokräutern nicht geregelt.

Marchart: Ja, das regelt im Prinzip noch nicht die Qualität des Produktes. Es gibt natürlich auch pharmazeutische Produkte die Bioqualität haben, aber das ist schon eine Stufe drüber.

derStandard.at Das heißt, wenn ich in die Apotheke gehe und zum Beispiel einen Entschlackungstee kaufe, stammen die Kräuter prinzipiell nicht aus biologischer Landwirtschaft.

Marchart: Ob die Kräuter aus biologischem Anbau stammen, müssen Sie nachlesen. In den Apotheken gilt das Arzneimittelbuch mit dem Mindestwirkstoffgehalt und nicht die Verordnung für die biologische Landwirtschaft.

derStandard.at Welche Produkte kaufen Sie persönlich?

Marchart: Ich bin ein Verfechter der Phytopharmaka, das heißt der Arzneimittel mit pflanzlichem Ursprung. Und bevorzuge beispielsweise jetzt Echinacea. Auf das schwöre ich eigentlich. Sobald die ersten Anzeichen für eine Erkältung da sind nehme ich die Tropfen.

Kräuter...
...aus der Apotheke sind "Drogen" und unterliegen mit dem Mindestwirkstoffgehalt dem Arzneibuch.

...aus kontrolliert biologischem Anbau unterliegen nur den selben Auflagen wie Lebensmittel aus kontrolliert biologischen Anbau.

...die aus kontrolliert biologischem Landbau stammen und den pharmakologischen Richtlinien entsprechen, sind in Drogerien und Apotheken erhältlich. Wobei die Biozertifizierung auch da ersichtlich sein muss.

...aus Drogerien können Lebensmittel oder Arzneimittel sein. Die Arzneimitteldrogen in Drogeriemärkten sind "hinter Glas" und können nur mit Hilfe einer Fachdrogistin bezogen werden.

...aus dem Supermarkt oder Biosupermarkt sind Lebensmittel und werden nicht auf den pharmazeutisch relevanten Mindestwirkstoffgehalt überprüft.

Link

Wirkung und Wirkstoffe von Kräutern im Phytokodex

von Univ.-Prof. Dr. Reinhard Länger, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka

  • Rudolf Marchart ist für das weltweit größte Anbaugebiet für Mariendisteln verantwortlich, welches mit rund 1500 Hektar im Waldviertel liegt. 

Abnehmer sind beispielsweise Pharmaunternehmen in Italien, Deutschland und Schweden. Nach Schweden werden Roggenpollen geliefert, die bei Prostatabeschwerden eingesetzt werden.
    foto: rudolf marchart

    Rudolf Marchart ist für das weltweit größte Anbaugebiet für Mariendisteln verantwortlich, welches mit rund 1500 Hektar im Waldviertel liegt.

    Abnehmer sind beispielsweise Pharmaunternehmen in Italien, Deutschland und Schweden. Nach Schweden werden Roggenpollen geliefert, die bei Prostatabeschwerden eingesetzt werden.

  • Mariendisteln werden bei Leberbeschwerden eingesetzt und von der pharmazeutischen Industrie zum Beispiel als "Legalon" Kapseln verkauft.

Auch die Alternativmedizin setzt Mariendistelpräparate zur "Entspannung und Harmonisierung" des Leberflusses besonders bei Frühjahrskuren ein.
    foto: rudolf marchart

    Mariendisteln werden bei Leberbeschwerden eingesetzt und von der pharmazeutischen Industrie zum Beispiel als "Legalon" Kapseln verkauft.

    Auch die Alternativmedizin setzt Mariendistelpräparate zur "Entspannung und Harmonisierung" des Leberflusses besonders bei Frühjahrskuren ein.

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