"Es gibt keine Alternative zum Zusammenleben"

27. März 2007, 11:09
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Der grüne EU-Parla­mentarier Cem Özdemir im derStandard.at- Interview über binationale Ehen, "Multikulti"- Romantik und MigrantInnen als Wählerpotenzial

"Ein Negativbeispiel reicht offenbar, um zu generalisieren", bedauert der deutsche EU-Parlamentarier Cem Özdemir im derStandard.at-Interview die generelle Einstellung der Politik gegenüber binationalen Ehen und MigrantInnen im Allgemeinen.

Die Integrations-Debatte in der Öffentlichkeit ist Özdemir mitunter "zu kulturalistisch". Wer wirklich was bewegen möchte, müsse sich nur um zweierlei kümmern: "Bildungs- und Arbeitsmarkt". Gegen den generellen "Multikulti"-Romantik-Vorwurf an die Grünen wehrt sich der Sohn türkischer Einwanderer: "Mir muss einmal jemand erklären, was denn das Gegenteil von multikultureller Gesellschaft sein soll."

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derStandard.at: Sie sind ein Sohn türkischer Einwanderer. Welches Zeugnis stellen Sie den Integrationsbemühungen der deutschen Politik aus?

Özdemir: Die deutsche Politik hat es - nicht anders als viele andere neue Einwanderungsländer - lange Zeit versäumt, sich den Realitäten zu stellen. Es wurde ignoriert, dass die Menschen Wurzeln geschlagen haben und im Land bleiben wollten. Von einer Einwanderungspolitik kann man erst seit einigen Jahren sprechen. Erst jetzt versucht man - zum Beispiel mit dem neuen Zuwanderungsgesetz und Sprachkursen - im Nachhinein gesetzlich zu regeln, was sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland formiert hat.

derStandard.at: In Österreich erschwert das neue Fremdenpaket die Zuwanderung. Viel zitiertes Beispiel sind die Erschwernisse für binationale Ehen.

Özdemir: Was die binationalen Ehen angeht, wundere ich mich, dass der Diskurs darüber derzeit sehr negativ ist. Natürlich gibt es das eine oder andere zu Recht kritisierte Negativbeispiel, aber man tut gerade so, als ob alle binationalen Ehen problematisch wären. Diese Ehen sind nicht besser oder schlechter als andere Ehen. Aber man übersieht, dass es sich bei diesen Verbindungen um Brücken zwischen den Kulturen handelt. Die Kinder aus binationalen Familien sprechen im Idealfall mehrere Sprachen und haben eine besondere interkulturelle Kompetenz, genau das, was im Europa von heute so gefragt ist.

Ich selbst bin ein Praktiker einer binationalen Ehe, meine Frau ist Argentinierin, unsere Tochter wächst mindestens zweisprachig auf. Es ist eine Mär, dass Kinder aus zweisprachigen Ehen beide Sprachen zwangsläufig gleich schlecht sprechen. Das hängt eher davon ab, ob die Eltern über den nötigen Bildungshintergrund verfügen, wie gut die Betreuungseinrichtungen sind und ob die Erzieher entsprechend qualifiziert sind.

derStandard.at: Trotzdem stehen bikulturelle Ehen unter Generalverdacht; Zumindest in Österreich ist man weit davon entfernt, das "als Chance zu begreifen".

Özdemir: Ein Negativbeispiel reicht offenbar, um zu generalisieren. Da sind die Österreicher nicht schlimmer als die Deutschen und die Deutschen nicht schlimmer als die Türken. Eine "richtige bikulturelle Ehe" oder ein "richtiger Türke" wird definiert durch die Mehrheitsgesellschaft. Und diese Bilder sind meist Negativbilder. Können denn Menschen türkischer Herkunft, die sich zu einer türkisch-österreichischen Identität bekennen und wohlfühlen etwa keine "richtigen Muslime" sein? Die "richtigen" sind nach Meinung der Anderen offenbar nur die, die ihre Frauen zwangsweise verheiraten oder Ehrenmorde begehen. Man stelle sich vor, Österreicher und Deutsche würden sich ebenfalls auf Basis solcher Extremklischees begegnen. Man sollte überhaupt aufhören, sich als Gruppen in der Gesellschaft zu begegnen. Wir sind zuallererst Individuen.

derStandard.at. Anscheinend wird aber auch die Politik von diesen Klischees geleitet.

Özdemir: Das hängt wohl damit zusammen, dass Politiker auch Wahlen gewinnen wollen und dabei auch gerne mal populistisch werden. Es ist wichtig, dass Politiker auch eine demokratische politische Kultur prägen und deutlich machen, dass es zum Zusammenleben erstens keine Alternative gibt und dass wir von Vielfalt auch profitieren können. Über die Bedingungen des Zusammenlebens kann und muss man natürlich diskutieren. Und man muss sowohl von Rechten als auch von Pflichten sprechen.

Man kommt ja im Regelfall in ein Land, weil man sich bewusst dafür entscheidet. Und da fällt einem kein Zacken aus der Krone, wenn man bekennt, gerne in Österreich zu sein. Genau so wichtig ist es aber, willkommen geheißen zu werden. Trotz aller außenpolitischen Fehler sind uns die Amerikaner hier um Lichtjahre voraus. Amerikanische Muslime gehören zu den patriotischsten US-Amerikanern, auch weil sie in erster Linie als Amerikaner betrachtet werden, nicht als Muslime. Auch wir brauchen mehr von diesem Republikanismus. Wir müssen uns über unsere Verfassung und die Grundrechte definieren und nicht zuerst nach Ethnie, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit.

derStandard.at: Ein Plädoyer für die europäische Verfassung und eine europäische Identität?

Özdemir: Absolut. Wir können eine solche Identität nicht erzwingen, aber wir müssen sie fördern. Europa ist schließlich mehr als eine Freihandelszone. Wir haben ein Wertefundament, das meiner Meinung nach auch in einer Grundrechte-Charta festgehalten werden sollte.

derStandard.at: Werden NeobürgerInnen als Wählerpotenzial unterschätzt?

Özdemir: Hier unterscheiden wir uns ebenfalls von den USA. Dort buhlen Republikaner und Demokraten auch um die Stimmen von Latinos und anderen. Ich würde es ausdrücklich begrüßen, wenn auch die CDU/CDU einen Abgeordneten oder Abgeordnete mit Migrationshintergrund hätte. Es ist nämlich ein Irrtum, zu denken, dass diese Menschen nur Mitte Links wählen. Auch die ÖVP scheint völlig zu übersehen, dass ein großer Teil der Neoösterreicher in vielen Punkten durchaus konservative Vorstellungen haben.

derStandard.at: Den Grünen wird immer wieder "Multikulti"-Romantik und eine zu unrealistische Sichtweise vorgeworfen. Sind die Grünen über das Ziel hinausgeschossen?

Özdemir: Ich und auch andere Parteifreunde haben ganz sicher nicht alles schön geredet. Die Grünen haben hier natürlich ihren Weg hinter sich. Aber dieser Weg ist immer noch ein kurzer, gemessen an der Realitätsverweigerung der CDU. Und ich muss darauf hinweisen: die überwiegende Zeit haben die anderen regiert. Wir haben uns diesem Thema nie verweigert. Zur Multikulti-Romantik: Mir muss einmal jemand erklären, was denn das Gegenteil von multikultureller Gesellschaft sein soll. Wollen wir zurück in die 50er Jahre, wo man als Alleinerzieherin schief angeschaut wurde, wo Ehen zwischen Katholiken und Protestanten schon quasi eine bikulturelle Ehe war? Das will doch niemand ernsthaft. Bei allen Fehlentwicklungen: wir sind auf einem guten Weg.

derStandard.at: Was wären Ihrer Meinung nach die wichtigsten nächsten Schritte auf diesem Weg?

Özdemir: Die Debatte in der Öffentlichkeit ist mitunter viel zu kulturalistisch. Aber wenn ich wirklich was bewegen möchte, dann geht es um zweierlei: Bildungs- und Arbeitsmarkt. Wir müssen den Eltern erklären, wie wichtig in einer hoch komplexen Gesellschaft eine qualifizierte Schulbildung für ihre Kinder ist. Und wir müssen das Schulsystem befähigen, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Wir müssen viel mehr Wert legen auf frühkindliche Erziehung, insbesondere in den staatlichen Betreuungseinrichtungen. Und wir dürfen die Schüler nicht so früh voneinander trennen wie im dreigliedrigen Schulsystem. Zusammengefasst: Wir brauchen die Kinder früher und länger. Dabei geht es übrigens nicht nur um Migrantenkinder, sondern beispielsweise auch um Kinder aus Arbeiterfamilien. (Manuela Honsig-Erlenburg/derStandard.at, 27.3.2007)

Zur Person: Cem Özdemir ist ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen) türkischer Abstammung. Seit 2004 ist er Mitglied des Europäischen Parlaments.
  • Özdemir: "Erst jetzt versucht man - zum Beispiel mit dem neuen Zuwanderungsgesetz und Sprachkursen - im Nachhinein gesetzlich zu regeln, was sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland formiert hat."

    Özdemir: "Erst jetzt versucht man - zum Beispiel mit dem neuen Zuwanderungsgesetz und Sprachkursen - im Nachhinein gesetzlich zu regeln, was sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland formiert hat."

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