Die Sowohl-als-auch-Frauen

15. März 2007, 17:11
461 Postings

Warum werden Frauen immer als theoretische Mutter in spe be­han­delt? - STANDARD- Montagsgespräch über Frauenpolitik

Und: Warum stellt Männern, die bereits Vater sind, niemand die Vereinbarkeitsfrage?

******

Die junge Frau im Publikum sprach das vermeintlich Ungehörige ganz selbstverständlich und selbstbewusst aus: "Es kann nicht sein, dass es nur ein Thema der Frauen ist. Ich will nicht die Einzige sein, die sich Sorgen um die Karriere machen muss, wenn ich und mein Partner ein Kind bekommen." Damit brachte die Diplomingenieurin beim Montagsgespräch des Standard die Problematik auf den Punkt.

Die von Chefredakteur Gerfried Sperl moderierte Debatte im Haus der Musik zum Thema "Frauenpolitik" war immer wieder in den Sog des V-Wortes geraten: V wie Vereinbarkeit war eine der meistverwendeten Noten, die die Diskutantinnen am Podium und im Auditorium in die frauenpolitische Partitur der rot-schwarzen Regierung hineinreklamierten - als Angelegenheit, die Männer gleichermaßen "treffen" kann wie Frauen.

Vereinbarkeit, für wen?

Denn einer der Hauptkritikpunkte war, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer als vornehmlich weibliches Problem betrachtet wird. Frauen sind nicht erst dann, wenn sie wirklich Mütter sind, vom Thema Vereinbarkeit "betroffen". Sie sind immer betroffen - als Frauen, die theoretisch ein Kind bekommen könnten. Und sie sind doppelt und dreifach betroffen, wenn sie dann tatsächlich ein Kind bekommen.

Aber das soll sich ändern, versprachen die zwei anwesenden Regierungspolitikerinnen - Frauenministerin Doris Bures (SP) und Staatssekretärin Christine Marek (VP) -, und das forderten Publizistin Elfriede Hammerl und Personalberaterin Gundi Wendtner.

"Das offenste und größte Hemmnis für Frauen ist das Thema Vereinbarkeit", erzählte Wendtner aus ihrer Praxis: ",Wird sie mir schwanger?' wird nur bei Frauen gefragt." Kein Manager, der von seinen vier Kindern berichtet, werde mit der Betreuungsfrage behelligt, Frauen selbst dann, wenn sie noch gar kein Kind haben.

Und wenn sie dann eines hätten, dann seien sie nicht nur mit den alten Vorurteilen über Frauen und Mutterschaft sowie inakzeptablen Einkommensnachteilen (Grafik) konfrontiert, sondern vor allem mit absolutem Mangel an Kinderbetreuungsplätzen, vor allem für unter Dreijährige und danach für über Sechsjährige, kritisierte die Consulterin.

Die Vorurteile über berufstätige Mütter veranlassten Moderator Sperl zu einem Blick über die Grenze nach Deutschland, wo Familienministerin Ursula von der Leyen, Ärztin und siebenfache Mutter, mit ihrer Forderung nach mehr Kinderbetreuungsplätzen für ziemlichen Wirbel nicht nur bei den eigenen Parteimännern sorgte (Bericht unten).

Ähnlich wie von der Leyen will auch Ministerin Bures nicht nur Bewusstseinsarbeit leisten und die Frauenerwerbsquote steigern (Grafik), sondern auch 50.000 Kinderbetreuungsplätze schaffen - hält sie doch eine ausreichende Versorgung mit solcher Infrastruktur für einen "ganz wesentlichen Punkt frauenpolitischer Maßnahmen, wenn es um Vereinbarkeit geht".

Wahlfreiheit, für wen?

Man könne nicht von Wahlfreiheit für die Eltern oder insbesondere die Mütter reden, wenn diese überhaupt keine Wahl hätten zwischen Beruf und Kind, weil es keine Betreuung für ihr Kind gibt, sagte Bures im Wissen, dass es ein mühsamer Kampf in der Regierung werden wird: "Die geben freiwillig gar nichts her. Aber wenn der Bundeskanzler sagt: Es ist Zeit zum Teilen, dann ergänze ich: Es ist Zeit zum Teilen mit den Frauen."

Teilen ja - und Anreize setzen, meinte die im Arbeits- und Wirtschaftsministerium für die Stellung der Frauen im Arbeitsmarkt verantwortliche Staatssekretärin Marek. Neben steuerlichen Absetzmöglichkeiten für Kinderbetreuung plädierte sie für "flexible Angebote für Kinderbetreuung von null bis 15. Krippen und Tagesmütter, echte Ganztagsschulen und klassische Halbtagsschule. Aber es kann nicht nur Aufgabe der öffentlichen Hand sein. Die Firmen sollen einbezogen werden, die haben ja was davon." Erwünschter Nebeneffekt: "Kinderbetreuung bedeutet auch viele qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen."

Publizistin Hammerl möchte sich nicht mehr auf die zu lange gepflogene Kultur weiblicher Duldsamkeit und hoffnungsfrohen Wartens auf eine Verbesserung der Situation in der Geschlechterfrage verlassen, sie setzt auch auf staatliche Eingriffe und ein bisschen "strukturellen Zwang", damit das Realität wird, was sie jetzt noch als Vision formuliert: "Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Lebensentwürfe und ihre Realisierung nicht an ein Geschlecht gebunden sind." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 21.02.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Im Bild: Stephan Balkenhols "Relief Frau mit Kleinem Mann"
Share if you care.