Dreh und Trink bei Gandhi

20. Februar 2007, 17:00
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Österreichs bester Süßweinwinzer ist nicht der, den viele vermuten - Arnim Grabenweger auf Expedition in den Süßweinwinkel - Teil 1

Es darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, dass Österreichs bester Süßweinwinzer in Illmitz wohnt. (Noch) weniger bekannt ist, dass er Johann "Gandhi" Tschida heißt und am Angerhof residiert. Zugegeben, sein Cousin mit dem auf Englisch so schick klingenden Namen ist derzeit weltweit um einiges berühmter. Bei den Weinen hat Meister Tschida die recht prägnante Nase (siehe Bild) aber deutlich vorn.

Das mit dem Residieren kann mittlerweile wörtlich genommen werden: Wir staunen nicht schlecht, als wir nach zweijähriger Absenz vom Angerhof dort ankommen. Wo einstmals die Kinderschaukel und die Sandkiste standen, leuchtet uns gepflegter Rasen entgegen. Der Weg zum – nun ja – Wirtschaftsgebäude ist neu gepflastert. Das ganze Ensemble strahlt in Weiß.

Wir wussten, dass Herr Tschida Umbaupläne hegte. Es war wirklich wenig Platz früher und die Erweiterung des Weinprogramms wäre ohne größere Räumlichkeiten nicht möglich gewesen. Aber das?

Na bumm

Na bumm, denken wir beim Eintreten ins neue Weinverarbeitungsreich. Herr Tschida hat’s beim Ausbau ernst gemeint. Neue Stahltanks blitzen uns entgegen. Nicht, dass wir das nicht anderwo auch schon gesehen hätten, aber beim Gandhi sind wir früher halt im Kellerstüberl gesessen zwischen all den Flaschen, und um ein paar Faßproben zu holen, waren grade einmal ein paar Schritte notwendig. Jetzt gibt’s ein großes Flaschenlager, genug Platz zum Arbeiten und natürlich auch ein Verkostungsstüberl. Die harten Holzbänke wurden gegen bequeme Ledersessel getauscht. Nach einem Rundgang nehmen wir, mit leichter Wehmut an die alte Verkostungsstätte denkend, dort Platz und wollen, Hans hat's befürchtet, das volle Programm.

Auch im Supermarkt

Drei Rotweine gibt’s im Programm. Wer sich noch einmal (m.E. zu Recht) darüber beschwert, dass in Österreich in der Kategorie rot bis zehn Euro von vielen Winzern nur ein ziemliches Gschlodder produziert wird, sei hiermit herzlich eingeladen, den blitzsauberen und fruchtigen Zweigelt (5,5 Euro) oder den in gebrauchten Barriques ausgebauten Cuvée rot (acht Euro) zu probieren. Man muss dazu auch nicht nach Illmitz fahren. Wenn man nicht allzu versnobt ist und kein Problem damit hat, Wein auch im Supermarkt zu kaufen: Die Belieferung einer der beiden großen Supermarktketten (der mit der besseren Weinauswahl) sorgt bei Herrn Tschida für den nötigen Grundumsatz und bei den Konsumenten für problemlose Verfügbarkeit.

Über den Toprotwein des Hauses hanteln wir uns von der Sämling Spätlese über die Eisweine zu den Beerenauslesen, die quasi das Portal zum nun kommenden Süßweinhimmel bilden, in dem die Trockenbeerenauslesen und Schilfweine warten. (Ebenso detaillierte wie hymnische Verkostungsnotizen finden Sie mit einem Klick hier)

Die Auslesen liegen noch im Fass und hier zeigt sich nochmals das kleine Manko des neuen Verkostungsstüberls. Wir sind einfach zu faul, noch einmal runterzulatschen und nach den Trockenbeerenauslesen ist der richtige Zeitpunkt verpasst.

Dreh und Trink

Zum Abschluss gibt’s doch noch ein bisserl Dreh und Trink, wie Herr Tschida das zu nennen pflegt: die Faßproben von Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen fließen mithilfe des praktischen Drehventils vom Tank direkt ins Glas. Das kann nur noch durch TBA-Sturm getoppt werden, aber da hätten wir zu einer anderen Zeit kommen müssen.

A propos andere Zeit: Schlecht recherchiert, raunen die Kollegen schon, aber als kinderloser Großstadtbewohner rechne ich nicht damit, dass in den burgenländischen Semesterferien die Illmitzer Gastronomiebetriebsbesitzer beinahe geschlossen auf Urlaub sind. So hilft alle Vorfreude nichts, das formidable Presshaus ist geschlossen und die auch gute Illmitzer Alternativvariante Johanneszeche ebenfalls.

Nach der zucker- und alkoholreichen Verkostung bin ich von einer Autofahrt zur Dankbarkeit nach Podersdorf wenig begeistert, und wir begnügen uns mit einer passablen, wenn auch etwas zähen Beiriedschnitte im Hotel Nationalpark und ein paar nachfolgenden Bieren im Bier-Pub.

Demnächst in "Schmecks": Süßweinwinkel, Teil 2 - Grabenweger & Co. beugen nach einem Besuch beim besten Nebenerwerbswinzer des Landes beim grandiosen Jungwirt in Göttlesbrunn dem Zuckerschock erfolgreich vor.

"Schmeck's" ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
  • Österreichs bester Süßweinwinzer Johann "Gandhi" Tschida
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    Österreichs bester Süßweinwinzer Johann "Gandhi" Tschida

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