"Normale Reaktionen auf abnormale Erfahrungen"

Redaktion, 30. Oktober 2007 10:35
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Psychologin Ljiljana Muslic: Traumatisierte AsylwerberInnen besonders anfällig für psychische Probleme - ein Interview

AsylwerberInnen seien besonders anfällig für psychische Probleme: Viele von ihnen hätten traumatische Erfahrungen, wie etwa Gewalt gegen die Familie, Verfolgung oder Folter gemacht, erklärt Ljiljana Muslic, psychologische Betreuerin im Ute Bock-Familienprojekt, im Gespräch mit Maria Sterkl.

* * *

derStandard.at: Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

Muslic: Krieg und Gewalt wirken sich immer negativ auf die psychosoziale Gesundheit aus. AsylwerberInnen tragen ein besonders großes Risiko psychischer Probleme in sich, weil sie sehr oft komplexe traumatische Erfahrungen gemacht haben. Das kann sich in allen Lebensbereichen auswirken – körperlich, emotional, im Verhalten, im Denken, im Umgang mit anderen Menschen.

derStandard.at: Können Sie Beispiele nennen?

Muslic: Enorme Angst, Hilflosigkeit, Schuldgefühle oder Wut sind Beispiele für emotionale Auswirkungen. Oft sind die Traumatisierten aber auch in einem "no emotions"-Zustand – gerade, um nicht von den Gefühlen überwältigt zu werden. Viele von ihnen haben häufig Albträume oder Schlafstörungen oder erleben, dass Bilder aus der Erinnerung ganz plötzlich und unkontrolliert wieder auftauchen.

derStandard.at: Wie kann sich ein Trauma körperlich auswirken?

Muslic: Traumatisierte Menschen leiden oft unter chronischer Müdigkeit, aber auch unter Rastlosigkeit und Atembeschwerden. Sehr oft tendieren sie auch zu Suchtverhalten, werden nikotin- oder alkoholabhängig.

derStandard.at: Warum werden traumatisierte Menschen im sozialen Kontakt oft als "schwierig" bezeichnet?

Muslic: Ihre Reaktionen auf das Trauma verursachen im Kontakt mit anderen Menschen manchmal Probleme: Oft isolieren sie sich von FreundInnen oder Familie, behalten ihre Gefühle für sich, vertrauen den anderen nicht oder schämen sich. Manche werden auch aggressiv. Ich möchte aber betonen, dass diese Verhaltensweisen – auch, wenn sie nicht angenehm sein mögen - völlig normale Reaktionen auf abnormale Erfahrungen sind. Es ist eine Art psychische Selbstverteidigung gegen traumatische Einflüsse.

derStandard.at: Was löst es in einem Menschen aus, zu sehen, wie enge Angehörige misshandelt oder sogar getötet werden?

Muslic: Das ist ein extrem qualvolles Ereignis. Was ein Trauma von anderen unheilvollen Erfahrungen unterscheidet, ist, dass es unsere Integrität bedroht. Traumata lösen intensive Angst und Hilflosigkeit aus, sie bringen unser Wertesystem durcheinander.

Sehr oft sagt man, das Trauma liege außerhalb der Palette normaler menschlicher Erfahrungen. Leider bedeutet das aber nicht, dass es selten vorkommt.

derStandard.at:Wie können Sie hier helfen?

Muslic: In vielen Ländern wird die Gesundheit von Flüchtlingen mit Trauma-Erfahrungen zu einem öffentlichen Thema, und viele Staaten der Welt haben bereits spezielle psychologische Betreuungsangebote im öffentlichen Gesundheitssystem integriert.

Der Verein Ute Bock versucht, den Betroffenen eine umfassende psychosoziale Begleitung zu bieten – von der Unterkunft über rechtliche Beratung bis hin zu psychologischer Betreuung. Psychologische Betreuung soll die Menschen emotional stärken, damit sie bereit sind, die Härten des Lebens im Asylverfahren zu ertragen. Das kann in Einzelsitzungen geschehen oder in der Gruppe. Wir sind momentan aber noch dabei, die Bedürfnisse der Familien zu analysieren.

derStandard.at: Ist es möglich, dass traumatische Erfahrungen von Eltern sich auch auf ihre Kinder übertragen - selbst, wenn sie die Traumasituation gar nicht miterlebt haben?

Muslic: Was Sie hier ansprechen, ist die sogenannte sekundäre Traumatisierung: Wenn jemand einer traumatisierten Person oder Familie ausgesetzt ist, können ähnliche Symptome auftreten wie beim Traumaopfer selbst. Wenn beispielsweise eine Familie durch Krieg traumatisiert ist, dann erfasst das Trauma auch jene Kinder, die erst nach dem Krieg geboren sind.

derStandard.at: Können Sie ein Beispiel nennen?

Muslic: In meiner Arbeit mit Flüchtlingskindern in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo habe ich viele Kinder kennengelernt, die aggressiv, hyperaktiv oder rastlos waren. Sehr viele von ihnen wurden auch regressiv, hingen stark an ihren Eltern, wurden zu BettnässerInnen oder litten an Albträumen und wiederkehrenden Kopf- oder Bauchschmerzen. Die meisten von ihnen waren Kindern von traumatisierten Soldaten oder Kriegsveteranen. Ich erinnere mich an einen 14-Jährigen, dessen Vater Kriegsveteran war. Er hatte große Schulprobleme und wurde zu mir geschickt, um ihn auf intellektuelle Defizite zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass er sehr intelligent war, infolge seiner Schlafstörungen, Albträume und der inneren Anspannung aber Schwierigkeiten hatte, sich zu konzentrieren.

derStandard.at: Kann eine Psychotherapie die Lage der Betroffenen auch verschlimmern?

Muslic: Generell nicht, aber bei Asylwerbern ist es problematischer. Hier kommt der legale Status ins Spiel: Wir müssen ungefähr wissen, ob und wann die Person abgeschoben werden könnte, um zu verhindern, dass die Therapie plötzlich abgebrochen werden muss.
(Maria Sterkl, derStandard.at, 28.2.2007)

Zur Person
Ljiljana Muslic ist psychologische Leiterin im Familienprojekt für traumatisierter Flüchtlinge des Vereins Ute Bock. Die Psychologin war vier Jahre lang für UNICEF in der psychosozialen Betreuung kriegstraumatisierter Familien in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo tätig.

Weiterlesen
Das Ute Bock-Familienprojekt
Antara7
 
01.03.2007 10:46
"Normale Reaktionen auf abnormale Erfahrungen"

Das Projekt ist sicherlich wichtig, die Fachkompetenz der Kollegin aber doch eher zu hinterfragen. Es gehört zu den Mythen der PTSD dass es sich um:"Normale Reaktionen auf abnormale Erfahrungen" handeln würde. Nur 10-20% jener, welche mit einem traumatisierenden Ereignis konfrontiert werden, entwickeln auch eine posttraumatische Belastungsstörung. Es handelt sich somit um eine reltiv seltene Erkrankung, die aber leider viel zu häufig diagnostiziert wird, da die Kollegen scheinbar das DSM-IV-TR, d.h. die Diagnosekriterien nicht kennen.

Vögelchen
05.10.2007 17:48
dazu muß ich keine Expertin sein

Die Reaktion des 15 jährigen Mädchens, dass sich in die Enge getrieben fühlen muss ist nur zu verständlich. Wer von uns, kann ehrlich beurteilen wie traumatisiert Kinder nach Kriegserlebnissen sind? Als ABNORMAL bezeichne ich die Reaktion von dem Innenminister meines Heimatlandes!!! Vielleicht noch schlimmer ist die Reaktion des Hr. Bundeskanzler a.D. Schüssel, der die Gesetzeslage erklärt. Ein Gesetz für das er sich nicht geniert!!! Das seine bunte Regierung - die ach so christliche ÖVP - beschlossen hat. Danach werden uns dann Perspektiven für Kinder und Familien präsentiert. Es wird endlich Zeit, dass diesen familien- und menschenfeindlichen Herren die Meinung der zivilisierten Mehrheit dieses Landes präsentiert wird.

Niniane -
01.03.2007 14:03

Das mit „normal“ ist anders gemeint. Die Reaktionen sind normal, der Betroffene ist nicht abartig ... die Psychologin sagt/meint nicht, dass jeder posttraumatische Belastungsstörungen aufweist. Das weiß ich zufällig genau, weil ich sie auch vor kurzem zu dem Thema interviewt habe

Antara7
 
01.03.2007 19:30
Sehr oft sagt man, das Trauma liege außerhalb der Palette normaler menschlicher Erfahrungen. Leider bedeutet das aber nicht, dass es selten vorkommt.

Die Psychologin bezieht sich hierbei auf die DSM-III Diagnose für posttraumtische Belastungsstörugen, welche im DSM-IV (309.81) nicht mehr so formuliert wurde. Sie haben insofern recht, als dass Traumatisierungen zu verschiedenen Krankheitsbildern führen können. Z.B. ist die Borderline- Persönlichkeitsstörung als eine solche im Gespräch.

Dominik Maria Rosenauer
28.02.2007 18:58
Ich finde es gut, dass es den Verein gibt.

Ich spende jedes Jahr für Ute Bock und hoffe, dass es andere Menschen auch tun. Nur posten und sich aufregen über den depperten Hojac ist zu wenig.

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