Das Rätsel der sieben Schlüssel

27. Februar 2007, 15:30
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Sensationelle afghanische Kunstschätze im Pariser Musée Guimet

Gold, Gold, nochmals Gold. Ob Broschen, Ohrringe, Halsgehänge, Ringe, Armreife, Rosetten, Dolchgriffe, tellergroße Schalen oder ganze Gürtel: Die meisten der 220 Objekte, die Archäologen 1978 in Gräbern des afghanischen Ortes Tillia Tepe gefunden hatten, glänzen wie nur pures Gold glänzen kann. Die Besucher im Pariser Asien-Museum Guimet wähnen sich eher in 1001 Nacht als in einem verdunkelten Ausstellungsraum.

Das "baktrische Gold" - benannt nach dem legendären Reich Baktrien an einem Kreuzweg der Seidenstraße, wo vor bald 4000 Jahren auch Zarathustra predigte - ist nur ein Teil der Ausstellung Afghanistan, die wiedergefundenen Schätze. Aus anderen Fundorten wie etwa Begram nördlich von Kabul kommen antike Juwelen, alexandrinische Glasmalereien, oder filigrane indische Elfenbein-Skulptürchen, die meist zweitausend Jahre alt sind.

Ihr Wert ist unschätzbar. Auch im übertragenen Sinn: "Wir wollten mit dieser Ausstellung zeigen, dass all das Dynamit im Dienste des Obskurantismus dieses Kulturerbe nicht aus dem Gedächtnis tilgen konnte", meint Kurator Jean-François Jarrige, und verweist etwa auf die freizügigen Frauenstatuen aus Elfenbein, die den Zerstörungsversuchen der Taliban trotzten.

Jahrelang galten diese Kunstschätze als verschwunden, ja zerstört. Denn 1979, ein Jahr nach dem Fund des baktrischen Goldes, war die Sowjetarmee in Kabul einmarschiert - und der Schatz abhanden gekommen. Laut der französischen Afghanistan-Archäologie (Dasa) gelangten die Kunstwerke Ende der 80er-Jahre in den Safe-Raum der Kabuler Zentralbank. Deren Tür war "durch sieben Schlüssel geschlossen, die gemäß der afghanischen Tradition im Besitz von sieben verschiedenen Personen waren".

Die Sowjets versuchten die Panzertür mehrmals aufzubrechen. Es versagten aber sogar Diamantbohrer - und später die Dynamit-Sprengladungen der Taliban. Die Fundamentalisten, die alle prä-islamischen Kunstwerke vernichten wollten und bekanntlich zwei große Buddha-Felsmonumente sprengten, folterten sogar ehemalige Aufseher, um Informationen über die sieben "Schlüsselhalter" zu erhalten.

Vergeblich. Ab 2002 drangen erneut Gerüchte aus Kabul, das baktrische Gold existiere eventuell noch. Vor zwei Jahren ließ der afghanische Präsident Hamid Karzai die Safes im Beisein internationaler Forscher öffnen.

Noch ist Kabul zu unsicher, um die Schätze dort auszustellen. Dank den alten Beziehungen der französischen Dafa zeigte sich Karzai nach einem Treffen mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac immerhin bereit, 220 Objekte zur einmaligen Schau nach Paris zu senden. Afghanistan will zeigen, dass es seinen kulturellen Reichtum wiedergefunden hat. Nur die Schlüsselhalter bleiben weiterhin anonym. (Stefan Brändle aus Paris / DER STANDARD, Printausgabe, 20.02.2007)

Ausstellung im Musée Guimet, Paris, bis 30. 4. 2007
  • Vor den Taliban gerettet: Indische Flussgöttin aus Elfenbein aus der Kunstsammlung in Kabul.
    foto: musée guimet

    Vor den Taliban gerettet: Indische Flussgöttin aus Elfenbein aus der Kunstsammlung in Kabul.

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