Ein Bürgermeister ärgert den Kreml

3. April 2007, 15:06
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Ermittlungen gegen Alexander Donskoj, nachdem dieser seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2008 ankündigte

Alexander Donskoj, populärer Bürgermeister der nordrussischen Stadt Archangelsk, hat das Unerhörte getan und eigenmächtig seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2008 angekündigt. Seither wird gegen ihn ermittelt. Am Montag wurde Anklage erhoben.

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Archangelsk/Moskau - "Weil das Nashorn keine Feinde hat", antwortet Alexander Donskoj auf die Frage, warum er denn dieser doch etwas ungewöhnlichen Leidenschaft fröne. Vor Jahren ist er ihr erlegen. Heute zählt seine Sammlung von Nashorn-skulpturen viele Dutzende.

In der Wirklichkeit wird der 36-Jährige seine Widersacher nicht mehr los. Der Bürgermeister der nordrussischen Stadt Archangelsk hat das Unerhörte im heutigen Russland getan: Im Herbst verkündete er lautstark seine Absicht, bei den Präsidentschaftswahlen 2008 ins Rennen zu gehen. Man habe ihn gewarnt, erzählt er. Der von Präsident Wladimir Putin eingesetzte Supragouverneur des nordwestrussischen Verwaltungskreises, Ilja Klebanow, habe ihn angerufen und Probleme prophezeit, wenn er diesen "nicht koordinierten" Schritt tue.

Hartnäckig

Donskoj blieb hartnäckig: "Wenn du dich nicht mehr entwickelst, kommt das dem Tod gleich." Donskoj hatte sich schnell entwickelt. Mit Anfang 20 begann er mit dem Handel. Studierte in Deutschland die Organisation von Handelsketten. Dann baute er in seinem Heimatgebiet am Weißmeer eine Kette mit 15 Kaufhäusern auf. Vor zwei Jahren verkaufte er um rund sieben Millionen Dollar (5,3 Mio. Euro). Donskoj "entwickelte" sich weiter und ging in die Politik: Mit 39 Prozent siegte der parteilose Kandidat vor zwei Jahren bei der Bürgermeisterwahl gegen seine Konkurrenten aus den kremlnahen Fraktionen. Seine Popularitätswerte in der 350.000 Einwohner großen Stadt stiegen.

"Als erster Bürgermeister hat er die Probleme der Stadt beim Namen genannt und angepackt", meint der Autobuschauffeur Waleri. An Problemen mangelt es nicht. Der Mindestlohn im Gebiet liegt bei 100 Euro. "Über den Staat urteilen kann man nicht anhand der Hauptstädte, sondern anhand von Feldwegen", schrieb Donskoj in einem offenen Brief an Putin. Die Infrastruktur für Energie- und Wasserversorgung ist veraltet. Der Bankrott mancher Sowjetbetriebe am Stadtrand hat Slums hervorgebracht, deren Katastrophe bei minus 30 Grad in aller Brutalität zutage tritt. Es fehlt an Wohnraum, Menschen verfallen dem Alkohol und erfrieren.

In einer Zeit, da die Staatsmedien nur Positivmeldungen produzieren, erzählt Donskoj von der Schattenseite. Zuletzt hat er immerhin 450 Millionen Rubel (gut 13 Mio. Euro) von den Steuern, die er ins Gebietsbudget abliefern muss, erfolgreich für die Stadt zurückgefordert. "Das wichtigste ist jetzt, maximale Budgeteinnahmen zu erhalten und die Sozialausgaben anzuheben."

Der Hafen, von Peter dem Großen errichtet, ist nicht eisfrei. Die Stadt ist auf mehrere Inseln verteilt, die vielen Zellulosewerke am Fluss Dvina sind eine ökologische Dauerlast. Aber das Gebiet hat Ressourcen: riesige Diamantenvorkommen, jede Menge Holz und entsprechende Verarbeitungsbetriebe, die nur modernisiert werden müssten.

Donskoj weiß, dass er bei den Präsidentenwahlen keine Chance hat. Motiv der Kandidatur ist denn auch, die Aufmerksamkeit auf die Regionen zu ziehen: "Viele im Zentrum haben keine Ahnung von der Region", lautet sein Vorwurf. "Moskau hält alle Macht, wälzt aber die Verantwortung auf die Regionen ab."

Seit Herbst gehen die Ermittler in Donskojs Büro aus und ein. Zahlreiche Leute, die mit ihm zu tun haben, werden verhört. Ihm selbst etwas anzuhängen, fiel offenbar nicht leicht. Er habe ein Diplom gefälscht, lautete lange Zeit ein Vorwurf. Zuletzt warf man ihm Teilnahme an einem illegalen Unternehmen vor. Donskoj und sein Verteidiger dementieren energisch. Sie sind überzeugt, dass der Kreml die örtlichen Organe mobilisiert hat. Am Montag folgte die Anklage. Zwei Jahre Haft drohen dem Bürgermeister.

"Audentes fortuna iuvat" steht über der Tür zu seinem Amt: "Das Glück ist auf der Seite der Mutigen." Im heutigen Russland nicht unbedingt. (Eduard Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2007)

  • Alexander Donskoj: "Im Zentrum wenig Ahnung."
    foto: steiner

    Alexander Donskoj: "Im Zentrum wenig Ahnung."

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