Täglich 7 Stunden länger leben

26. Juli 2007, 14:07
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Und, wie werden Sie Ihre verlängerte Lebenszeit nutzen?

Eine wundersame Verjüngung wie bei Minister Buchinger, der in Minuten durch Bart- und Haarelassen um Jahre jünger wurde, ist selten. Unsereiner braucht ein Jahrzehnt, um 3,35 Jahre jünger zu werden: Ein Mann mit 52 wie B. ist 2007 jünger als ein 49-Jähriger im Jahr 1997.

Bis 2010 werden wir wieder um drei Jahre älter und um ein Jahr jünger sein als Gleichaltrige heute - also vom Lebensende her nur zwei Jahre gealtert sein. So Schwindel erregend schnell wächst uns gegenwärtig Lebenszeit zu.

Wir lebten im letzten Jahrzehnt täglich rund 7 Stunden, Männer sogar über 8 (in meinem Alter 5,5) Stunden länger - so, als hätten wir nie geschlafen oder wären während des Schlafs nicht gealtert. Glaubt irgendwer ernsthaft, dass die Pensionsdauer weiter so rasant wachsen kann, ohne das System zu kippen - oder eben das Pensionsalter anzupassen?

Ehrlich angesprochen

Diese einfache, aber immer noch weithin unbekannte, jedenfalls völlig unverstandene Wahrheit sowie das seit 2005 geltende Gesetz zur Nachhaltigkeit hat der Minister ehrlich angesprochen: "Wenn es tatsächlich zu einer höheren Lebenserwartung kommt und auch verbesserte gesundheitliche Rahmenbedingungen vorliegen, warum sollte man dann nicht länger als bis 65 arbeiten?"

So viel Ehrlichkeit gilt als Blöße: Hatte der "grade Erwin" für eine gute Sache Haare gelassen, so wurde er gleich im "polemischen Gewerbe" der Politik (C. Schmitt) als Volksfeind verteufelt und skalpiert - gerade von jenen, die das Gesetz ohne ihn beschlossen hatten. Heuchlerischer, tiefer und dümmer geht's nimmer.

"Lautes Nachdenken verzichtbar"

Buhrufer aus der ÖVP orteten in der eigenen Pensionsautomatik "sozialistische Grauslichkeiten und Belastungen", für VP-Regierungskollegen war "lautes Nachdenken verzichtbar". Das BZÖ sah in dem von ihm beschlossenen Gesetz "einen ungeheuerlichen Anschlag auf die Arbeitnehmer", "letztklassige soziale Kälte und Unfairness". Der grüne Sozialsprecher deponierte wie die ÖVP ein "striktes Nein" zur "permanenten Verunsicherung" durch eine "unerträgliche, verzichtbare Debatte" - als sei Demokratie mit Maulkorb ohne öffentliche Debatte möglich. - Überall politische Kleingeldwechseldiebe. Tatsächlich ist der Nachhaltigkeitsfaktor geltendes Gesetz (§79a ASVG). Er wurde von der ÖVP/FPÖ/BZÖ-Regierung eingeführt, als Pensionsautomatik von der ÖVP in den Koalitionsvertrag reklamiert und von der SPÖ akzeptiert. Zu Recht, denn er ist grundvernünftig, fair und wird von allen Experten empfohlen.

Demnach werden ab 2007 alle drei Jahre die Auswirkungen der Lebensverlängerung auf die Pensions-Friedensformel 65-45-80 überprüft. Wer auch ab 2010 keine höheren Beiträge, die Leistungen des Pensionskontos, die Wertsicherung der Pensi-onen und "45 Jahre sind genug", also zentrale Pensionsversprechen wirklich garantieren will, kann das Abschlagsalter nicht ewig bei 65 (oder gar unter 60) fixieren.

Süße Familiengeheimnisse

Doch zu den süßen Familiengeheimnissen der politischen Klasse in Österreich gehört, den Nachhaltigkeitsfaktor wie "guilty knowledge", als Tabu zu behandeln: so, als sei die erfreuliche Wahrheit unserer fantastischen Langlebigkeit und ihre unausweichlichen Folgen auch in kleinsten Dosen unzumutbar, oder gar schmutzig und gefährlich.

Und wie werden Sie Ihre um sieben Stunden pro Tag verlängerte Lebenszeit nutzen? (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe 19.2.2007)

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