Ohne Job und ohne Hoffnung

16. März 2007, 18:31
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Die Stimmung ist nicht gut unter den tausenden Jugendlichen, die derzeit in außer­betrieblichen Schulungsmaß­nah­men untergebracht sind

Wien - Von Conny sieht man zunächst einmal nur ihre Sneakers. Dann ein paar Hände, die ungeduldig an einem augenscheinlich verrosteten Auspuff zerren. Ab und zu blitzt ihr blonder Haarschopf auf, ihre Stimme, mit der sie nach Werkzeug verlangt, klingt ein wenig blechern. Conny liegt unter einem Auto. Für sie gibt es eigentlich nichts Schöneres. Denn die 19-Jährige will Kfz-Technikerin werden.

Zwei Jahre lang hat sich die junge Wienerin bei großen Autohäusern und kleinen Werkstätten beworben, hat mehr als hundert Bewerbungsschreiben abgeschickt - überall hieß es: "Wir nehmen keine Frauen." Weil Conny aber im Leben nichts anderes machen will als Autos zu reparieren, schickte sie das Arbeitsmarktservice (AMS) in eine "Schulungsmaßnahme". Jetzt lernt sie, nun schon im dritten Lehrjahr, mit 140 Schicksalsgenossen in einer Lehrwerkstätte des Berufsförderungsinstituts (bfi).

Regierungsklausur

38.000 Jugendliche in ganz Österreich sind derzeit in solchen "Jasg"- oder "Paragraf-30"-Maßnahmen untergebracht, 4000 davon in Wien, das ist fast ein Drittel aller Wiener Lehrlinge. Die neue Regierung will bis 2010 die Jugendarbeitslosigkeit unter vier Prozent senken, wie genau, soll demnächst die erste Regierungsklausur klären. Eines steht aber jetzt schon fest: Im Bereich der "überbetrieblichen Lehrlingsausbildung" wollen Sozialminister Erwin Buchinger (SPÖ) und Arbeitsminister Martin Bartenstein (ÖVP) einen besonderen Schwerpunkt setzen.

Ausbildungs-Last

Die jetzige Regierung ist nicht die erste, die die Ausbildungs-"Last" von den Betrieben nehmen will. Schon Viktor Klima glaubte, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit mittels Lehrwerkstätten und außerbetrieblicher Ausbildung lösen zu können. Doch dieser Weg hat seine Tücken - und führt nicht unbedingt zum erwünschten Ergebnis.

Dazu kommt ein Gesetzes-, Richtlinien- und Bestimmungswirrwarr, in dem sich die Jugendlichen zum Teil heillos verstricken. Nach dem "Jugendausbildungsgesetz" (Jasg) wird ein Lehrling nur für zehn Monate geschult, danach muss er erneut ansuchen - und hoffen, dass er wieder genommen wird. Die Maßnahme ist nur als "Übergangslösung" gedacht. Ein "Paragraf 30"-Lehrling ist, vom Lehrstellensuchenden-Standpunkt her, dagegen ein hoffnungsloser Fall. Damit er überhaupt eine Ausbildung bekommt, wird er bis zur Lehrabschlussprüfung in einer Schulungsmaßnahme ausgebildet.

"Kein Interesse"

Conny hofft bei jedem Praktikum, das sie ergattert, dass daraus "etwas Dauerhaftes" wird. "Leider ist nie etwas daraus geworden", sagt sie und blickt auf ihre ölverschmierten Finger. Beim bfi in der Hetzendorfer Straße kam Conny dahinter, dass die Ablehnung nur sekundär etwas mit ihrem Geschlecht zu tun hat: Männliche Kollegen wie Emrah und Mehmet hörten mitunter gar keine Begründung, wenn sie abgelehnt wurden, nur: "Kein Interesse", oder: "Kein Platz".

"Leider haben immer weniger Firmen Interesse daran, Jugendliche auszubilden", sagt Kerstin Schiefer von der Gewerkschaft "Metall-Textil-Nahrung" (GMT), die sich seit Jahren um arbeitslose Jugendliche kümmert. Sie meint, einen gefährlichen Trend zu beobachten: "Es sind nicht mehr nur die ,schwer Vermittelbaren', die keinen Job finden. Immer mehr Jugendliche sind davon betroffen."

Tatsächlich warnte die Wirtschaftskammer vor Kurzem, dass in den kommenden zwei Jahren 50.000 Facharbeitskräfte fehlten. Ökonomen meinen mittlerweile, das sei ein "hausgemachtes" Problem: Seit 1980 ist die Zahl der Lehrlinge von 200.000 auf insgesamt 126.000 gesunken. Industrie, Handel und Gewerbe lassen sich Lehrplätze zunehmend mit Lehrlingsprämien und anderen Förderungen der öffentlichen Hand vergüten. Viel bringe das dennoch nicht, meint Gewerkschafterin Schiefer: "Ein Lehrling kostet eine Firma heute fast gar nichts mehr. Trotzdem gibt es nicht genügend Lehrstellen."

150 Euro im Monat

bfi-Experte Michael Höflinger, der "seine Kids" in der Hetzendorfer Straße ausbildet, hält das nicht für ideal: "Es ist ein Problem, dass viele unserer Jugendlichen nie in einer Firma gelernt haben. Sie kennen den Arbeitsalltag nicht, das wirkt sich dann später auch bei der Jobsuche negativ aus." Dazu komme noch das drückende finanzielle Problem: "Wenn ich mir Schuhe kaufe, ist gleich das Geld für den ganzen Monat weg", seufzt Mehmet, der als "Jasg"-Lehrling mit 150 Euro monatlich auskommen muss. Handy, ein eigenes Mofa, vielleicht sogar eine Wohnung? Für "Schulungs"-Lehrlinge unleistbarer Luxus. "Die Stimmung unter den Kids ist nicht gut", sagt Höflinger, "manche wirken richtig hoffnungslos."

Etwas bessere Laune herrscht in der Modecenter-Straße im dritten Bezirk. Dort, im Zentrum für "zukunftsorientierte Berufsausbildung" (ZOBA) des Vereins "Jugend am Werk", werden vor allem Köche und "Personaldienstleister" ausgebildet. Das Gastgewerbe sucht immer wieder (billiges) junges Personal. "Sobald unsere Leute über Basiswissen verfügen, werden sie gerne genommen", sagt Ausbildner Rudolf Bernoth. Der Enthusiasmus der Jungen hält sich spätestens nach dem ersten Praktikum aber in Grenzen: "Viel lernt man nicht", erzählt Bozica, die gerade bei einem Nobel-Italiener angeheuert hat. "Ich habe hauptsächlich Kartoffeln geschält."

Weder die Kids in der Modecenter-Straße noch die in der Hetzendorfer Straße glauben daran, dass die Politik ihnen helfen wird. Conny zuckt mit den Schultern. Bozica bringt die Sache für die anderen Jungen im Raum auf den Punkt: "Sie sollen endlich einmal das tun, was sie schon alles versprochen haben." (Petra Stuiber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.2.2007)

  • 38.000 Jugendliche werden derzeit "außerbetrieblich" ausgebildet, eine Übergangslösung, die selten zum Erfolg führt.
    foto: standard/corn

    38.000 Jugendliche werden derzeit "außerbetrieblich" ausgebildet, eine Übergangslösung, die selten zum Erfolg führt.

  • Conny will unbedingt Automechanikerin werden und hofft auf "etwas Dauerhaftes".
    foto: standard/corn

    Conny will unbedingt Automechanikerin werden und hofft auf "etwas Dauerhaftes".

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