Von Fürsten und Beisitzern

27. Februar 2007, 15:30
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Das Geistesleben und seine Institutionen, der Kultur- und Wissenschaftsbetrieb funktionieren feudal und großbürgerlich wie eine Mischung von Salon und Tafelrunde, Fürstenhof und Funktionärsbüro

Die Buchhandlung liegt im alten Teil der französischen Stadt. Die breite Glastür zeigt in geschwungenen Lettern den Namen der Librairie an. Im Schaufenster vor der durch die Scheiben erkennbaren Computerkassa wirbt ein blau-weiß-rotes Plakat für "POESIE": Aus Buchseiten steigt ein geflügeltes Pferd auf, zwischen Wolken aus Brillen. Der in sanftem Beige gehaltene Verkaufsraum mit den Pastellregalen ist vorne nicht breit. Er öffnet sich im Hintergrund. Nach der Romanabteilung ist mehr Platz, eine Stufe führt hinauf. Dort thront die Lyrik zu ebener Erde und doch im ersten Stock.

Fotos: STANDARD/Heribert Corn
Wo man etwas kriegt, oder wo man hingeht, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen: in den Salon.

"Nothomb, non et non", winkt der Buchhändler ab. Bahnhofsromane führe er nicht. Bücher, die er nicht mag, sind bei ihm kaum zu haben. Er besitze ein ästhetisches Bewusstsein, lächelt er und zeigt die Zähne. Die Großen, von Gallimard bis Grasset, seien im Kommerz gelandet, eine Kulturindustrie sei das. Den Kleinen lasse man keine Chance, den jungen Dichtern auch nicht. Poètes betont der Buchhändler. Was sich zu Abertausenden veräußere, könne nicht viel wert sein. Das klinge plakativ, jedoch so sei es. Über den Ladentisch hier gehe meist bloß, was ihm gefalle, seine Einschätzungen könne man auf Zettelchen finden, die er den Bänden im Schaufenster aufklebe. Er sei für die Literatur da. Die Poesie der jungen Kompromisslosen überfliege man nicht einmal in den Verlagen. Literatatouille bringen diese auf den Markt, sagt der Buchhändler.

Die Holzwendeltreppe hinauf geleitet er vom Lyrikraum nach oben. Auf Klappstühlen sitzen acht Frauen und fünf Männer, als seien sie miteinander verwandt. Vor der niederen Fensterfront nehmen in Korbsesseln der deutsche Romancier und der Dolmetscher Platz. Vor ihnen ein Tischlein, darauf zwei Wassergläser.

Nach der Lesung schweigen die dreizehn kurz und applaudieren leicht. Der schmächtige Buchhändler in Schwarz hat die Rechte auf den Nebenstuhl gestützt, den Kopf nach hinten gelegt, die Linke in der dunklen Haarwelle. Es gebe gewiss Fragen, Bemerkungen, Meinungen. Auf den Klappstühlen sitzt Schweigen. Der Buchhändler möchte wissen, es gehe ja um Traditionen, Haarvorhang nach hinten, auf welche Vorbilder sich der Romancier zu beziehen neige.

Thomas Mann, Kafka, Nabokov. Die dreizehn und der Buchhändler blicken streng. Der deutsche Romancier erklärt sich. Die vierzehn schauen verkniffen. Hemingway, García Márquez, auch Coetzee schätze er, von ihm besonders Elisabeth Costello.

Der Dolmetscher übersetzt. Die vierzehn rücken auf den Stühlen. Keine Franzosen? Der Romancier schluckt. Er nennt Kundera. Kundera, schnappt der Buchhändler. Tschechisch, gehe das an? Auf Französisch lauter Bahnhofsromane. Der Romancier spricht von Cioran. Bei den vierzehn hüstelt es. Schnell kommt der Romancier mit Proust. Dies sei überhaupt der Allerbeste. Die vierzehn lächeln. Gewahrt bleibt die Salonordnung.

Der Kulturbetrieb funktioniert nach wie vor als Mischung von Salon, Tafelrunde und Funktionärsbüro. Deren Mechanismen bleiben im Grunde in einer je nach Umfeld verschieden austarierten Zusammensetzung bestehen. Sie bestimmen die Spielregeln, auch wenn die neuen Medien einige Veränderungen in Techniken, Umgangsformen und Verortungen gebracht haben.

Die aristokratisch-bürgerliche Tafelrunde herrscht aus ihrem engen Kreis heraus und begünstigt elitäre Fürstenhöfe, die mittels ihrer Ritter Offenheit und Gerechtigkeit vorspiegeln. Die Kulturverwaltung der Funktionäre, die im osteuropäischen Sozialismus angelegt war - Literaturhäuser etwa sind eine Erfindung der Sowjetunion -, tendiert nicht selten dazu, dass Vereinigungen und Institutionen zu Strukturhülsen werden und Aktivität simulieren, um einer Gruppierung Ressourcen zu gewährleisten. Ihre Zirkelschlüssigkeit ähnelt jener der Tafelrunde, nur gibt sie sich betriebsumfassend und egalitär.

Im zentralistischen Frankreich, wo das Funktionärstum aus dem Salon hervorgeht oder im Salon aufgeht, gibt es keine Literaturhäuser, sondern einige Maisons des écrivains. Nicht die Literatur, vielmehr die Schriftsteller bringt man hier unter Dach und Fach. Im deutschen Sprachraum hingegen holten Funktionäre den Salon in ihren Raum. Sie betreiben seit zwei, drei Jahrzehnten ein dichtes Netz von Literaturhäusern, und in Deutschland, Österreich, der Schweiz sind Lesungen, die in Frankreich nur ganz ausnahmsweise stattfinden, zugleich kurze temporäre Salonsimulationen und Feierstunden, nicht selten in der Form sakraler Wortreichungen, bei denen weniger das Verstehen als der Glaube angesprochen wird.

Der bürgerlich-aristokratische Salon verleiht der Versicherung des Eigenen einen Mittelpunkt. Dem Gespräch gibt er - geistig wie kulinarisch wie sozial - einen ideellen Rahmen im Einverständnis der elementaren Regeln, die ein überschaubarer Personenkreis teilt. Konkret und metaphorisch dient er seit vier Jahrhunderten, in unterschiedlicher Gestalt, jedoch ähnlichem Mechanismus, als Sprech-Macht-Raum. Aus dem Salon der Johanna Schopenhauer ließ Goethe den Gymnasiallehrer Franz Passow weisen, da ihn dessen Schweigen störte.

Das Feld des Salons ist die Kultur; er bildet ihren konzentrierten, konzertierten Spielort. Ihr Wert, jener eines Fetisch, ersteht laut Bourdieu in einer ursprünglichen Investition, die eine Teilnahme am Spiel bedeutet, sowie im kollektiven Glauben an den Wert des Spiels und in den Kämpfen um das symbolische Kapital. Dabei gilt es, einen großen Teil der Kämpfe zu verschleiern, denn die Produktion einer vorgeblich anti-ökonomischen Wirtschaft der Kunst beruht auf der Anerkennung der Uneigennützigkeit. Das ganze System bezeichnet Bourdieu als illusio.

Gegen das Verdikt von Horkheimer und Adorno, die Kunst habe in einer Kulturindustrie ihre Autonomie zugunsten eines primären Warencharakters eingebüßt, lässt sich einiges einwenden (etwa, dass die behauptete seinerzeitige Autonomie historisch kaum nachweisbar ist); es geht jedenfalls immer noch am Salon vorbei. Erscheint Horkheimer und Adorno die Kulturindustrie herrschaftsstabilisierend - wie hätten sie die Simpsons interpretiert? -, so kann dasselbe auf andere Weise für den Salon gelten: Beide vermögen das Interesse von Wesentlichem abzulenken, die Kulturindustrie durch die Förderung eines Konsumentenverhaltens, der Salon durch seine Fassade der Repräsentation. Der Salon wacht darüber, dass Kunstvorstellungen als sozialer Kitt vorgegeben werden können: Man erklärt sie nach wie vor zu Garanten der Emanzipation und eines kritischen Impulses - beides freilich steht unter der Autorität eben des Salons, der selbst ein kritisches Moment durch seine Ästhetik der Selbstverständlichkeit und seine Kultur des Abfeierns ersetzt. Der Wert des Kunstwerkes wird nicht vom Künstler hervorgebracht, sondern vom sozialen Feld einer Glaubensgemeinschaft, die zu Sakralisierung und Repräsentation neigt.

"Salon" hieß in Schlössern ein Repräsentationsraum, der in zwei Etagen angelegt war und von Säulen getragen wurde. Im 17. Jahrhundert entstanden Zentren der Geselligkeit, als deren Vermittlerin die Gastgeberin, die Salonnière, fungierte. Nach dem Vorbild des Hofzeremoniells traf man sich zu einer bestimmten Zeit, einem Jour fixe, als wäre man unter Freunden, und pflegte die geistige Konversation. Die Habitués, die Stammgäste, durften ihrerseits andere einführen. Man war unter sich und doch regelmäßig mit neuen Gesichtern beisammen; die Gesellschaft war geschlossen und schien doch offen. Galant besprach man vor allem Kunst, auch Persönliches und Öffentliches, ohne weit ins Persönliche oder in die Öffentlichkeit zu gehen. Man suchte die ästhetische Attraktivität, auch in der Konversationsform selbst, ohne einen spielerischen Oberton zu vergessen.

In vielen Fällen herrschen in Kunst und Wissenschaft auf implizit abgesteckten Gebieten kleinere oder größere Fürsten, die so vorgehen, als würden sie den Betrieb besitzen. Sie stützen sich auf ihre Ritter, denen sie einen Arbeitsplatz und das Ansehen des Hofes verschaffen. Wenn Höfe als oberste Positionen in einem Bereich Anerkennung genießen, also von ihrem Ruf her existieren wie die Sorbonne, Harvard, Yale oder nationale Akademien, dann ist eine Hierarchie institutionell geprägt. Eine persönlich erlangte Fürstenherrschaft beruht meist auf einer Eroberung und einer Ämterkumulierung, die eine Anhäufung von symbolischem Kapital fördert und eine Erweiterung des Einflussbereiches ermöglicht. Unter den Fürsten gibt es solche, die ein Besitztum verwalten, etwa Institutsleiter oder Akademiepräsidenten, die in ihrem ganzen Forscherleben ein einziges Buch geschrieben, dafür bei unzähligen als Herausgeber gezeichnet haben; und es gibt Fürsten oder Barone, die auf dem Felde der Veröffentlichungen bestechen, oft unter ihrem in allen Winden flatternden Theoriebanner.

In Verbindung mit Salonformen vermögen diese geschlossenen Besitz- und Kommunikationsverhältnisse offen sowie mit dem Prinzip der Tafelrunde, das eine Wahl ins Spiel bringt, demokratisch zu erscheinen. Gerade in Kunst und Wissenschaft, die als zugängliche, frei verfahrende Garanten für Kultur und Moral gelten, besteht ein strategisches Interesse, die Schutz- und Verpflichtungsbündnisse verdeckt zu halten. Eine Fassade dafür kann ein Jargon bieten, den man als Theorie vorschiebt.

Im höfischen Rittertum ist die Tafelrunde der mythische Ort hervorragender kollektiver Sammlung. Hier finden ein Geflecht von Angewiesenheiten, wie dies Norbert Elias nennt, und ein bestimmter Elitenkreis ihre sakralisierte topografische Präsentation. Unter dem Emblem eines gleichen Habitus trifft sich eine genau beschränkte Anzahl von einander Verpflichteten. Es können wohl Teilbündnisse eingegangen, Untergruppen gebildet werden. Das System der Zuwahl jedoch bewirkt erstens, dass wirklich signifikative Abweichungen ausgeschlossen bleiben, und zweitens in einer Akademiesituation, in der man nur die Plätze der Verstorbenen meist aus seinen eigenen Kreisen nachbesetzt, dass das durchschnittliche Lebensalter der "Unsterblichen" im Regelfall recht hoch, jedenfalls über siebzig Jahre liegt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.02.2007)

Zum Autor

Klaus Zeyringer
ist Professor für Germanistik an der Université de l'Ouest in Angers.

Es handelt sich bei diesem Text um die ersten Passagen aus Klaus Zeyringers neuem Buch "Ehrenrunden im Salon. Kultur - Literatur - Betrieb" (€ 22,40), das kommende Woche im Studienverlag erscheint. Zeyringer konstatiert darin, dass sich die Meinungsleader in den "reichen" westlichen Ländern zwar auf Kultur und Demokratie berufen, das Geistesleben und seine Institutionen allerdings (immer noch) feudal funktionieren. Zeyringers Buch ist historisch, soziale und politische Analyse und Kulturkritik in einem.

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