Im Eiskland mit der Natur

2. März 2007, 15:18
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Der Gefrierpunkt ist für eine Südtiroler Konzertreihe wichtiger als der Kontrapunkt

Das Abendkleid lässt man besser im Schrank. Die klaren Töne, die der italienische Virtuose Giovanni Sollima seinem eisigen Cello entlockt, kann man in Daunenjacke und Stiefeln besser genießen. Die drei Meter dicken Wände des Konzertsaales schützen kaum vor Kälte - sie sind aus Eis.

"Voices on ice" heißt eine rundum ungewöhnliche Konzertreihe im Südtiroler Schnalstal. Musiziert wird in einem eigens erbauten Eisdom auf dem Gletscher, nur wenige Kilometer vom Ötzi- Fundort entfernt. Ungewöhnlich an den Konzerten ist vor allem eines: Alle Instrumente sind aus Eis gefertigt.

Gebaut hat sie der in Schweden lebende Amerikaner Tim Linhart. Der 56- Jährige aus den Rocky Mountains setzte jahrelang Eisskulpturen in die Landschaft, bevor er 1998 auf die Idee kam, sein erstes Instrument aus gefrorenem Wasser zu bauen. Es war ein überdimensionaler Kontrabass, der mit Klavierseiten bespannt war. Die Anregung stammte von Linharts Freund Tony Sutherland, einem Gitarrenbauer in Vail. "Er war vom reinen Klang der ersten Eisgitarre so fasziniert, dass ich die Technik zu verfeinern begann", erzählt Linhart.

"Eis ist ein gut formbares Material. Man muss dabei besonders auf die Proportionen achten. Eine Eisvioline sollte andere Maße haben als eine aus Holz. Sie muss zudem mit einer hölzernen Schutzklappe versehen werden, um das empfindliche Instrument vor der Körperwärme abzuschirmen." Zum Bauen von Streichinstrumenten benötigt Linhart rund eine Woche. "Wenn es eine aufwändige Arbeit ist, auch länger" gesteht der Eisexperte. Die Wandstärke jedes Instruments wird im Scheinwerferlicht millimetergenau nachgearbeitet. Der Eismantel seiner Violinen beträgt teilweise nur einen halben Zentimeter. Die durch das Spielen erzeugte Vibration verändert dessen Konsistenz.

Eisklare Akustik

"Eis erzeugt einen klaren und sehr authentischen Ton", versichert Linhart. "Aber es hat auch ein Eigenleben. Und mit jedem Versuch, ein Instrument so perfekt wie möglich zu gestalten, nähert man sich jenem kritischen Punkt, der es zerbrechen lässt." Gitarren versieht Linhart deshalb mit einem Ständer, um gewichtsbedingte Spannungen zu minimieren. In Schweden baute er sogar eine Eisorgel mit zwei Manualen und 28 Pfeifen. Zu seinen Kreationen gehören auch Schlagzeuge, Flöten und das "Glaciophon".

Den Eisdom in Form eines Doppeliglus errichtete Linhart in einmonatiger Arbeit mit seiner schwedischen Frau Brigitta und zwei skandinavischen Mitarbeitern. Im 5 x 18 Meter großen "Konzertsaal", der 120 Zuhörern Platz bietet, liegt die Temperatur bei Windstille zwischen minus zwei und minus fünf Grad. Den mit der Seilbahn erreichbaren Schnalstaler Gletscher hält Linhart für einen idealen Ort für die Konzertreihe "Voices on ice": "Hier herrschen perfekte Bedingungen, die Temperaturen sind niedrig und die Beschaffenheit des Rohstoffs ist erstklassig."

Für die 25 Konzerte zwischen 17. Februar und 18. März haben die Veranstalter prominente Musiker engagiert. Etwa den sizilianischen Mozarteum- Schüler Giovanni Sollima, der schon mit Jörg Demus und Martha Argerich spielte und durch seine Zusammenarbeit mit Philipp Glass bekannt ist. Die Jazz- und Blues-Sängerin Liz Howard tritt ebenso im Eisdom auf wie das Victoria Mature-Quartett mit einer "Ice Jazz Opera". Carlo La Manna hat für den unterkühlten Konzertsaal den Programmpunkt "Installation und Konzert für Stimme, Video und Eisinstrumente" kreiert, dessen Titel der Umgebung absolut angemessen ist: "Neve- Schnee" wird's geben. Wenn der Beifall anschließend gedämpft wirkt, liegt das sicher nicht an der Unterkühlung der Zuschauer, sondern nur an ihren dicken Handschuhen. (Gerhard Mumelter/Der Standard/ Printausgabe/17./18.2.2007)

Die Konzertkarte inklusive Berg- und Talfahrt kostet für Erwachsene 26 €. Das Berghotel Grawand direkt am Gletscher bietet sich als Unterkunft an (Sauna, Dampfbad und Hallenbad!) - die Tagespreise pro Person liegen aktuell zwischen 62 und 64 €, sieben Tage auf Basis Halbpension mit Sechs-Tages-Skipass bei 581 € pro Person.

Info: Schnalstal
Icemusic
  • Mit dem Fuß mitwippen wird ausdrücklich empfohlen, das wärmt.
    foto: gate productions

    Mit dem Fuß mitwippen wird ausdrücklich empfohlen, das wärmt.

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