Schattenseiten, Schauerromatik

23. Februar 2007, 12:56
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... staubiger Stein, schöner Schein: Neue Krimis von Sara Paretsky, Anne Chaplet, Michele Giuttari und Marcia Muller

SCHATTENSEITEN
Mit Mut und Wut schildert die große Dame des amerikanischen Krimis, Sara Paretsky, die tristen sozialen Verhältnisse in South Chicago, wo aus jungen, ungebildeten Teenagern Mütter werden, die null Zukunftsaussichten haben. Hier trainiert Vic Warshawski in einem vergammelten Turnsaal die Basketballmannschaft der Mädchen. Vic fühlt sich verpflichtet, den Mädchen zu helfen, stammt sie doch selbst aus dem Stadtteil und kennt die Lage dort zur Genüge. Es gibt einen Fabriksbesitzer in der Gegend, der sich alles erlauben darf. Aus dieser Familie brennt ein junger Mann durch. Der Clan will den verlorenen Sohn wieder aufspüren und schreckt vor gar nichts zurück. Paretskys ausgezeichneter Thriller "Feuereifer" (Deutsch: Sibylle Schmidt, € 20,60, Goldmann) zeigt die Schattenseiten einer Gesellschaftsordnung, deren soziale Netze brüchig sind.

SCHAUERROMANTIK
Der Schauplatz ist schon aus Anne Chaplets vorigem Krimi "Russisch Blut" bekannt: Das allmählich verfallende Schloss Blanckenburg in der ehemaligen DDR hat noch nicht alle seine Geheimnisse offenbart. Die junge Tierärztin Katalina, die sich von ihren Erlebnissen im Jugoslawien-Krieg nicht lösen kann, wird in mysteriöse Machenschaften hineingezogen. Eine alte Dame ist noch einmal nach Blanckenburg zurückgekommen, um den Jugendgefährten zu sehen, von dem sie durch den Zweiten Weltkrieg auf immer getrennt wurde. Ihr Auftauchen ruft finstere Gestalten auf den Plan, die mit der Ex-Stasi-Mitarbeiterin noch eine Rechnung offen haben. Chaplet beweist Sinn für dramatische Effekte: eine recht originelle Mischung aus modernem, zeithistorischem Krimi und der Schauerromantik aus vergangenen Jahrhunderten. ("Doppelte Schuld", € 20,60, Piper).

STAUBIGER STEIN
Ein neuer sizilianischer Autor hat voriges Jahr auf sich aufmerksam gemacht, und auch sein zweiter Krimi "Die Loge der Unschuldigen "(Deutsch: Karin Diemerling, € 20,60, BLT) bestätigt die Erwartungen. Michele Giuttari ist vom Fach: Er wirkte bei der Mafia-Bekämpfung mit, bevor er Leiter des Morddezernats in Florenz wurde. Maximale Realistik, gepaart mit genauer Beobachtung kennzeichnen seine Werke. Diesmal bewegt sich Giuttari zwischen Florenz und den Steinbrüchen von Carrara, wo Verbrecherbanden eine lukrative Verwendung für Marmorstaub gefunden haben. Albanerbanden verdrängen die altansässigen Mafiaclans. Der Tod eines Mädchens scheint zunächst nichts damit zu tun zu haben, aber die Schurken sitzen auch in den Palazzi von Florenz. Fein, subtil und spannend: Giuttari wird nicht nur in Italien auf die Bestsellerlisten klettern.

SCHÖNER SCHEIN
Aus dem Besenkammerl ist die Detektivin Sharon McCone aufgestiegen zu eigener Firma und großem Büro. Das Geschäft boomt, und Sharon feiert mit ihrer Truppe den beruflichen Erfolg. Bis zwei Polizisten auftauchen und eine Mitarbeiterin Sharons verhaften. Julia hat angeblich einem Politiker eine Kreditkarte gestohlen und mit dieser massenweise Einkäufe getätigt. Sharon vermutet bald, dass jemand ihre Firma ruinieren will und geht alte Akten durch, um herauszufinden, wer Rachegefühle hegen könnte. Der angeblich bestohlene, ach so karitative Politiker entpuppt sich als Konstruktion kluger PR-Berater. Offiziell eine Lichtgestalt, hat er früher als Dealer gewerkt und versteht sich darauf, Leute einzuschüchtern. Marcia Mullers Krimi aus San Francisco "Zu gefährlicher Stunde" (€ 9,20, Fischer) liest sich flüssig und steht für gepflegte Unterhaltung. (is / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17/18.2.2007)

  •  "Doppelte Schuld"
    foto: piper

    "Doppelte Schuld"

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