Fußballfrauen tragen keine blauen Helme

2. März 2007, 14:07
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"Frauenfußball - Fußball­frauen. Zwischen Liga-Alltag und der EURO 2008" - Heftige Diskuss­ion in Wiener Haupt­bücherei - EM-Checker Heinz Palme blieb in einer Fünferkette hängen

Wien - Für Palme, den Geschäftsführer der Initiative "2008 - Österreich am Ball" und EM-Regierungsbeauftragten, sind "die Mädchen von heute die Mütter von morgen". Nun dürften sich einige Frauen anders definieren und etliche dieser einigen am Donnerstagabend im dritten Stock der Hauptbücherei Platz genommen haben, sei's auf dem Podium, sei's im Auditorium. Deshalb und wohl auch ob des Palme-Sagers wurde recht bald recht hitzig diskutiert.

Neben Palme saßen fünf Frauen, eigentlich saß nur eine Frau neben ihm, neben der dann die nächste saß und so weiter. Ulrike S. Held, Gründerin des ersten Frauenfanklubs des FK Austria Wien, beschwerte sich darüber, dass Frauen in vielen Fanklubs nur als Begleiterinnen, nicht aber als Mitglieder akzeptiert werden. "Aber auch wir gehen hin, weil uns Fußball interessiert, auch wir gehen hin wegen der Austria." Logisch, dass im Held'schen Fanklub, der etwa zehn Personen umfasst, auch Männer aufgenommen werden, einer wurde schon.

Elisabeth Auer (ATV), Diskussionsleiterin und geprüfte Schiedsrichterin, machte darauf aufmerksam, dass sich deutsche Fußballklubs mehr um weibliche Fans kümmern, einige zum Beispiel bieten Kinderaufsicht und Krabbelstuben während der Spiele an. Davon ist man in Österreich weit entfernt. Immerhin liegt auch hierzulande der Frauenanteil bei mehr als dreißig Prozent gegenüber 50 Prozent Männern, den Rest bilden Jugendliche und Kinder.

Karin Hambrusch, die Geschäftsführerin des SK Sturm Graz, verwies auf spezielle Aktionen wie freien Eintritt am Muttertag. Genau daran stieß sich u. a. Nicole Selmer vom deutschen Netzwerk "F_in Frauen im Fußball", die auf Ermäßigungen nach dem Motto "Frauen, Senioren, Arbeitslose zahlen die Hälfte" gut und gerne verzichten könnte.

Isabel Hochstöger, die in Wien für Landhaus kickt und im ÖFB die Abteilung Mädchen- und Frauenfußball leitet, verfolgt eine Politik der kleinen Schritte, ein solcher Schritt ist die Kooperation mit einer Volksschule. "Bei uns kommen zwei-, dreimal die Woche bis zu dreißig Mädchen zum Training." Mehrere Dutzend und im besten Fall mehrere hundert Zuseher versammeln sich zu Frauen-Ligaspielen, der beste Fall heißt SV Neulengbach, dort kickt sehr beeindruckend die Brasilianerin Rosana dos Santos. Für TV-Übertragungen fehlt fast überall das Publikum, fehlt Atmosphäre, fehlt die Infrastruktur. Immerhin will tipp3, neben FairPlay und dem Fußballmagazin ballesterer der Initiator der Diskussionsreihe "Club 2 x 11", künftig mehrmals jährlich via Internet-TV ein "Best of Frauenfußball" bringen.

EM '08: Leidenschaft

Wenn die Stadien sicherer werden, gehen mehr Frauen zum Fußball. Laut Palme steigt auch die Sicherheit im Stadion mit dem Frauenanteil. "Wir sind aber keine Blauhelmtruppe", hielt Selmer fest. In der EURO-08-Werbung will Palme vermehrt Frauen als "Botschafter der Leidenschaft" einsetzen, bei der Diskussion gab's skeptische Reaktionen. Hambrusch: "Frauen haben Männern voraus, dass sie, wenn's um Fußball geht, nicht den Bezug zur Realität verlieren." Vielleicht wird die EURO ein Gewinn, vielleicht profitieren dann auch die Fußballerinnen davon. Dabei geht es, wie Hochstöger sagt, nicht vorrangig um Geld. "Sondern um Anerkennung und Respekt." (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 17.2. 2007)

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    Rosana, die mit vollem Namen Rosana dos Santos Augusto heißt, ist im September 04 von Porto Alegre nach Neulengbach gekommen. Der dort ansässige Klub ist in Österreich eine Klasse für sich.

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