Nebel überm Dreimäderlhaus

28. März 2007, 15:00
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Warum eigentlich immer dieser reflexartige Biss veröffentlichender Meiner gegen die Behörde?, fragt Niki Glattauer

An unserer Schule kann man die Fenster nicht öffnen. Nur in der 3a sind sie manchmal trotzdem offen. Einer meiner Schüler ist eines Tages draufgekommen, dass der alte Zylinderschlüssel für das Lehrerklo, den ich nicht abgegeben habe, auch die neuen Fenster entriegelt.

Herr Lehrer, ich glaub, Ihr Schlüssel geht. - Welcher? - Der.

Greift hin, entriegelt ein Fenster zur Freiheit und holt tief Luft. Seitdem holen wir hie und da alle gemeinsam tief Luft und Michi hat in "technisch Werken" seinen fixen Einser (Scherz).

Bei uns an der Schule kann man die Fenster nicht öffnen, weil man sie nicht öffnen darf. Kippen erlaubt, Öffnen behördlich verboten, und zwar mit dem Killerargument: Weil etwas passieren könnte ...

Weil "etwas passieren könnte", sind Schulen geschlossene Anstalten, dürfen ihre Insassen nicht einmal beim Pipimachen unbeaufsichtigt bleiben. Weil "etwas passieren könnte", gehen angehende Maturanten bei Schulausgängen wie dressierte Affen in Zweierreihen, darf ein männlicher Lehrer nicht allein mit Mädchen turnen, und unterrichten wir zurzeit in Räumen mit Dezibelbelastungen von U-Bahn-Baustellen: Herren einer MA hatten einen Vormittag lang mit Hämmern gegen die Zimmerdecken geklopft. Als der Putz zu bröckeln begann, wurde entschieden, die darunter liegenden Lärmschutzplatten zu entfernen, weil sicher ist sicher und passiert ist schnell was.

Kontrollen, Regeln, Vorschriften, wie Gitterstäbe vorm Hirn, all das, "weil etwas passieren könnte".

Und manchmal passiert tatsächlich etwas. Drei Kinder in Linz werden zu Opfern einer gewaltigen Lebenskrise ihrer Eltern. Sie verwahrlosen. Aber stimmt denn, was steht? Da fängt mich ein Artikel mit dem Wort "Dunkel-Haft" ein, und später im Text lese ich dann, dass in der Wohnung der "Geiselkinder" die Vorhänge "oft zugezogen" waren. Da beschwört eine Illustrierte die "tragische Parallele zu Kasper Hauser".

Am nächsten Tag höre ich im Radio, dass die zwei jüngeren Mädchen ganz normal zur Schule gehen, die mittlere sogar ins Gym. Interessante Variante des Kasper-Hauser-Syndroms.

Und dann dieser Satz eines Herausgebers zu jeder Lage der Nation: "Damit sich so ein Fall nie mehr wiederholen möge!" Mein lieber Schwede, was für eine Lüge! Zuerst faken sie ein anhängiges Gerichtsverfahren zur "Enthüllungsstory" um, blasen so viel heiße Luft in diesen großen glitzernden Ballon, bis er ... nein, nicht platzt: bis es halt pft macht (Pech schon, dass Katharina und Viktoria quasi nur knapp nicht Natascha heißen) - und dann dieser Satz: "Damit sich so ein Fall nie mehr wiederholen möge!" Warum schreiben sie nicht die Wahrheit: Damit sich solche Fälle immer wiederholen mögen, am besten exklusiv, zum Wohle der Auflage!

Jetzt, wo - Elsner sei Dank! - die Nebel über dem gespenstischen Dreimäderlhaus verzogen sind, bleibt mir eines dennoch schleierhaft: Warum immer dieser reflexartige Biss der veröffentlichenden Meiner gegen die Behörde? Und warum immer gepaart - und jetzt bin ich wieder bei meinen Schulfenstern - mit dem Ruf nach noch mehr Behörde, noch mehr Kontrolle, noch mehr Vorschrift?

"Wird da jetzt jemand hinausgeschmissen?", fragt Hans Rauscher im Standard und fragt es nicht. Er versteht es als Aufforderung. Wen, frage ich mich, will "RAU" denn rausgeschmissen haben? Den Landeshauptmann, weil er am Pöstlingberg nicht nachschauen gegangen ist, als der Hund so schiach winselte?

Die Schule hat getan, was sie in einem solchen Fall tun kann: Sie hat auf die Absenzen reagiert, die Schulärztin eingeschaltet und diese die Fürsorge. Sie hat Psychologen beigezogen, als der Verdacht auf Lernverweigerung nicht mehr von der Hand zu weisen war. Und sie hat sich mit aller in einem solchen Lebensdrama gebotenen Vor- und Rücksicht an die Instanzen gewandt.

Das Pflegschaftsgericht hat dann lange gebraucht, um eine Entscheidung zu fällen. Manche meinen, zu lange. Aber das Gegenteil wäre der größere Skandal gewesen: Man nimmt einer Mutter, die nach einer privaten Lebenskatastrophe verzweifelt den Boden unter den Füßen sucht, nicht auch noch mir nichts, dir nichts die Kinder weg. Zumal der Vater das Sorgerecht abgelehnt hat (warum, geht uns nichts an).

Mag sein, dass die Motive der Pflegschaftsrichter/innen nicht nur hehre gewesen sind. Die Mutter der Kinder, die studierte Juristin, wusste man mit allen rechtlichen Wassern gewaschen, der Vater war Kollege am Oberlandesgericht - und kalmierte, da gibt es Aktennotizen. Aber bestand denn "Gefahr im Verzug"?

Da war lange Zeit nur eine Wohnung, die allmählich zu einem Saustall verkam. Da waren "öfters" zugezogene Fenster. Da waren Kinder, die oft nicht und sehr oft zu spät (und mit schlechten Zähnen) zur Schule gegangen sind. Ja, und da war der winselnde Hund. - Deswegen sollen jetzt die Köpfe rollen?

Auch ich habe schon Schüler gehabt, die oft nicht und sehr oft zu spät in die Schule gekommen sind. Ich habe getan, was Schule in solchen Fällen tun kann: geschimpft, gedroht, gefragt, vorgeladen, manchmal oben was gemeldet - aber meistens sehr lange dabei zugesehen und sehr viel geredet. Manchmal hat all das nichts genutzt. Und manchmal stand auch eine menschliche Tragödie dahinter.

Ich denke, ich gehöre trotzdem nicht rausgeschmissen. Ich denke, ich gehöre auch nicht verstärkt behördlich kontrolliert.

Ich denke, die Schulfenster gehören geöffnet.

Unlängst hat mich der Schulwart abgepasst.

Herr Niki, in Ihnara Klass san manchmal die Fenster offen, wissen S' des eh?

Aso?

Des derf ned sein, des wissen S' eh.

-----.

I miassat's melden.

Melden? Wem denn?

I miassat nachschaun.

Und warum?

Miassat i aa nachschaun.
(Niki Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 17./18. Februar 2007)

Zur Person
Niki Glattauer ist Autor und Lehrer in Wien und arbeitet derzeit für die Europäischen Liberalen an einem Buch "zur Lage der Welt".
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