
Hoch wie nie: Falco, 1993, mit Gitarrist Peter Paul Skrepek (re.), bei einem Konzert in Graz
Wien - Dass man in Österreich außerhalb des Wintersports Erfolge von Landsleuten erst zu würdigen weiß, wenn es für diese längst zu spät ist, lässt sich dieser Tage wieder exemplarisch an der Person des Hans Hölzel festmachen.
Immerhin galt er als Falco in seiner Rolle als Österreichs größter lebender und vor allem seit neun Jahren sehr toter Popstar in den letzten Jahren vor seinem Unfalltod in der Dominikanischen Republik als Mann, der sich nach dem Welterfolg mit dem Hit "Rock Me Amadeus" (1986) zwangsläufig auf dem absteigenden Ast befand. Das lag zum einen daran, dass er musikalisch wie so viele andere Musiker im Popgeschäft nach einer zündenden Idee reichlich illusions- und visionslos an eben dieser stur bis verzweifelt festhielt, immer wieder dasselbe künstlerische Modell bemühte - und sich so von neuen Zeiten überrollen und ins Ausgedinge schieben lassen musste.
Zum anderen gilt laut dem österreichischen Prinzip der "schenen Leich" im Zweifel immer erst ein toter Künstler als guter Künstler. Die provinzielle Enge des Landes und eine dadurch bedingte gleichmacherische Neidgenossenschaft duldet es nicht, dass einer aus unseren Reihen zu lange zu erfolgreich ist. Und wenn im Zusammenhang mit Erfolg etwas wider Erwarten nicht faul sein sollte, muss man mit zugeführten Fäulnisbakterien halt etwas nachhelfen. "Fäulen" im Sinne von "jemanden anfäulen" - eines der wenigen spezifisch österreichischen Tätigkeitswörter.
Endzeit, positiv
Die überhebliche und mit einem "positiven Endzeitgefühl" den Bach der Populärkultur auf einem zum Donaudampfschiff umgebauten angloamerikanischen Überseepott hinuntergehende musikalische Entsprechung der Yuppiekultur ("Die Titanic sinkt in Panik ...") hatte interessanterweise alle diesbezüglichen defätistischen Anlagen in sich vereint. Immerhin arbeitete Falco selbst nicht nur im Song und vor allem im Video zu "Rock Me Amadeus" mit allen Österreichklischees. Er verdichtete sie in einer historisch unvergleichlichen Mischung aus Vorstadtschlurfigkeit und Pülchercharme zwischen 1982 und 1998 auf Alben wie "Einzelhaft", "Junge Römer", "Falco III", "Emotional" oder "Wiener Blut" und in Songs wie "Ganz Wien" oder "Sound Of Musik" zu einem Abgesang des österreichisch-schlampigen und -bösartigen Wesens im Technicolor-Hochglanzpopformat.
In diesem Format sang Hölzel gern verschnupft naseweis mit Bomben und Granaten und zwischen Synthieburgen, böllerndem Schlagzeug und Männerchören untergehend davon, dass der Bach am Ende in jenen Körperteil mündet, zu dem nur selten ein Sonnenstrahl vordringt. Die das verklemmte hiesige Wesen bis zur Kenntlichkeit entstellt camouflierende Kunstfigur Falco, die damals in einem letzten Tanz die genuin österreichischen "Helden von heute" abfeierte, das war zugleich die Abgrenzung vom Leben in Österreich und speziell im Austropop. Und andererseits die Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich unserer Mentalität.
Wo in der heimischen Popmusik sonst bis heute gern den Verhältnissen mit kabarettistischem Humor zu Leibe gerückt wird, weil man sich über die Behelfsschiene des Lustigmachens blendend von eigenen Defiziten abgrenzen kann, machte sich Falco selbst zur in Dada- und Gagasprache rappenden Witzfigur. Gewollt oder nicht hatte diese möglicherweise nur aus Schüchternheit generierte und mit schnell machenden Drogen befeuerte Arroganz anderen gegenüber am Ende sich selbst zum größten Feind erkoren.
Zwischen "Nachtflug", dem letzten Comeback-Versuch im Jahr 1992, und dem dann schon posthum erschienenen und tatsächlich einen reiferen Künstler präsentieren wollenden Album "Out Of The Dark" wurde Hölzel gut sechs Jahre lang jene Häme zuteil, die er in Glanzzeiten an andere verteilte und damit zum in Österreich weltberühmten Vorstadtidol der 80er aufstieg.
Was von Falco heute im Rückblick neben posthumer Vermarktung mit Filmprojekten, Best-of-CDs übrig bleibt? Ein paar gute Lieder und jede Menge Misanthropie. Er war tatsächlich in jeder Hinsicht Österreichs größter Popstar. Wir alle liebten seinen Punk. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17/18.2.2007)
weil mir einfach seine musik gefallen hat. kann mich nun gut erinnern: ca 1 jahr vor seinem tot wollte ich eine best of cd von falco kaufen, gab es niergends. nie wurde was von ihm in radio gespielt und es war sehr sehr schwer lieder zu bekommen (das war lange vor dem internetzeitalter). nachdem er gestorben ist, war er plötztlich immer der beste und nun gibt es falco zum "sau-füttern". das ist so was von verlogen, dass ich mich zurückziehe und bei dem hype sicher nicht mitmache. cd-kauf ist nicht mehr nötig, da nun plötzlich falco gespielt wird.
sowas bringen künstler doch erst am ende ihrer laufbahn heraus, üblicherweise....außerdem nervt dieser best of wahn gewaltig - jeder, der 2 hits hatte, bringt ein best of raus, dabei sind es oft die songs, die nicht im radio zu hören sind, die am besten sind.
mein vater hatte alle platten, ohne problem waren die zu kaufen.
.. doch falco ist 1998 gestorben und ich habe ein jahr davor (also 1997) versucht eine best of cd zu bekommen. in diesem jahrzent wurde falco kaum noch gespielt, wenn er eine neue cd oder single rausbrachte gab es lustlose berichte und das wars dann schon. in den 80-ern oder 90-er hatte er vermutlich seine hochblüte zu lebenszeit, aber damals war ich noch zu jung um das zu verfolgen.
ja, ja - wie schnell die erinnerung verblasst.
der ach so lustige heinz conrads war derart am egomanentripp, da war der falco an altruist dagegen.
die peinlichste sendung des orf war der 70. geburtstag von heinz conrads. da ist sogar jede doro-huldigung ein qualitätsformat - und das will was heissen.
Bil Gerry, wie er sich zuletzt nannte, bitte! Außerdem lebt der noch, und müßte (wie so oft im morbiden Raunzer-Kabarett-Staat Österreich) erst nach seinem Dahinscheiden zu Ehren kommen. Bis dahin muß Falco reichen - und immerhin: Ö3 spielt jetzt neben der Stürmer-Kristel auch Falco. Österreichische Musik!
was WIRKLICH schlecht war, war die gestrige Falco-Doku auf 3sat.
Wenn man stilistisch kein Fingerspitzengefühl hat und die visuelle On-Screen-Entwicklung der letzten Jahrzehnte negiert (auch wenn viel in den 80er-Jahren zusammengetragen wurde) sollte man solche Dokus im BBC-Stil machen: ein Wechselspiel straighter Interviews und Originalaufnahmen mit unaufdringlichen Off-Kommentaren.
Beginnend mit dem Titelsong über das Leben Falcos bis hin zu den "Aufragssagern" a la "Falco ist Kunst" (wer war übrigens die Frau, die ca. 3x3 Worte sprechen durfte und nicht untertitelt wurde?) ein Desaster.
Ich war 86/87 bei einem Falco Konzert in der Stadthalle und muss sagen es war "spitze".
Ich verstehe nichts von Musik und Gesang muss aber sagen das die Starmaniac SängerInnen sich ein Stück abschneiden könnten vom seligen Falco! Der war nämlich live besser als Nidle, Falco, Johnny, etc. ... und wie heisst die Neue? ......... im Fernsehen.
Der Herr Schachinger spricht mir aus dem Herzen. Hier ist eine differenzierte Bestandsaufnahme zu lesen.
Schachinger schreibt nicht GEGEN Falco und nicht FÜR ihn.
Er schreibt über Um- und Zustände in diesem Land und darüber dass Falco im Großen und Ganzen (in vielen Schattierungen) EINE sehr dieses Land treffende psychologische Aussage hatte und verkörperte, die er im Song Amadeus auch international verständlich auf den Punkt gebracht hat.
Und zusätzlich möchte ich ergänzen, dass es für viele im österreichischen Musikbusiness (was ist das überhaupt?), z.B. einen Herrn Markus Spiegel, überhaupt nur einen Falco gegeben hat und geben wird, ist ja auch lächerlich.
morbus schachinger bleibt morbus schachinger: logorrhoe bombastischens stils.
aber abgesehen davon geb ich ihnen recht - schachinger äußert sich ja manchmal wirklich differenziert und interessant, aber man muß das meistens suchen, es erschließt sich einem nicht sofort, weil es unter dem wortgebirge verborgen ist.
weniger wäre meistens mehr.
besonders hervorheben möchte ich "einzelhaft", speziell das großartig makabre und umso treffendere "ganz wien".
was auch nicht unerwähnt bleiben darf: sein beitrag zu drahdiwaberl. das gehört einfach dazu - wenn ich an so bitterböse songs wie "die galeere" denke, das war damals eine der bissigsten ansagen zur österreichischen politik.
ich finds eigentlich noch viel typischer österreichisch, sich so eingehend mit der vermarktung zu beschäftigen. wenn man nix davon hält soll mans nicht machen und die sachen nicht kaufen. aber sich das maul über die zerreißen, die es tun, passt wunderbar zum dorfcharakter österreichs.
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