Siebzig Prozent Realität: "Aalst" im Tanzquartier

16. Februar 2007, 18:31
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Mit einem famosen Dokumentardrama stößt die Genter Performancetruppe Victoria auf den Grund der sozialen Wirklichkeit

Wien - Ein Elternpaar, wie es in Pol Heyvaerts niederländischem Dokumentardrama vor Gericht steht, ist seit einer Woche auch in Österreich bekannt gewordene Realiät. Zwar sind die Untersuchungen im oberösterreichischen Fall der Kinderverwahrlosung noch im Gang. Und im Zentrum einer Anklage, an wen auch immer sie sich dann richtet, steht weniger als ein Mord. Die Unfassbarkeit der menschlichen Tragödie bleibt aber gleich. Und auch die Unfassbarkeit, mit der man das Versagen aller möglichen sozialen Sicherungsnetze zur Kenntnis nehmen muss.

Im flämischen "Aalst", so auch der Titel des im Wiener Tanzquartier gastierenden Stücks (noch am Samstag, 20.30 Uhr), hat im Jahr 1999 ein Liebespaar seine beiden Kinder auf grausame Weise ermordet und dann erfolglos versucht, sich selbst das Leben zu nehmen - "to end up everything", wie es in der englischsprachigen, seit zwei Jahren tourenden famosen Arbeit der Genter Gruppe Victoria heißt.

Der Mordfall gehört zu den größten Familiendramen in der belgischen Geschichte. Regisseur Heyvaerts hat sich mit der Causa genauestens befasst und verfolgt in einem ("zu siebzig Prozent") auf dokumentarischem Material wie Gerichtsprotokollen oder TV-Dokumentationen basierenden, rigide narrativem Bühnenverfahren die Schuldfrage.

Heyvaert verweigert dabei jede Art der Bildgebung; er unternimmt in Millimeterschritten einen theatralisch-erzählerischen Aufriss: Eine Frau und ein Mann sitzen vor ihrem jeweiligen Mikrofon frontal zum Zuschauerraum. Sie antworten lapidar auf die ihnen lediglich in Toneinspielungen vom Richter gestellten Fragen. Ob sie, die Mutter (Lies Pauwels), die Absicht gehabt hätte, ihre Tochter Alin mit dem Polster zu ersticken: "... hmmm, yes."

Und der Vater (Jeroen Perzeval), der zugibt, auch einmal das falsche Kind von der Schule mit nach Hause gebracht zu haben, weil er schlichtweg "stoned" gewesen sei, bestätigt die ihm vorgeworfenen Gräueltaten (er hat den Sohn mit der Schere erstochen) stets kräftig mit "yes, that's correct".

Die unendlich präzise zwischen Stille und anschwellender Musik, Pausen (Leerstellen, Fragezeichen, Rufzeichen) und den meist melodielos abfallenden Sätzen austarierte Stunde zeigt Menschen in ihrer lapidarsten Form. Geschöpfe, die, gefangen in einem isolierten Leben, ihr Tun nicht mehr bemessen können/wollen, weil sie es nicht müssen.

Da hilft keine auch noch so bürokratisch gepanzerte, von öffentlichen Stellen dirigierte Obsorge. Eine heiße Mahlzeit von der Fürsorge garantiert nun einmal nicht für den Hausfrieden.

Anstelle die geliebten Kinder irgendeiner Institution zu überlassen, hätte sich das Paar dafür entschieden, sie von der Existenz zu erlösen. "Jeder darf entscheiden, wann und ob er Kinder in die Welt setzt. Aber wann es richtig ist, sie wieder wegzubringen, das darf man nicht!", wendet der Vater scheinbar naiv ein, und man weiß in solchen Momenten nicht, was man ihm entgegensetzen könnte.

Victoria, eine von Größen wie Guy Cassiers oder jetzt Dirk Pauwels angeleitete und stets auf Theaterumwegen tätige, außergewöhnliche Formation, gab mit dieser Österreichpremiere auch den Startschuss für die zehnte Ausgabe des szene bunte wähne Tanzfestivals, in dessen Kooperation das Gastspiel zustande kam. Ab 16 Jahren. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17/18.2.2007)

  • Ein Theaterstück, das die Bildgebung konsequent verweigert: "Aalst" - in einer Skizze von Fred Debrock.
    foto: tanzquartier/debrock

    Ein Theaterstück, das die Bildgebung konsequent verweigert: "Aalst" - in einer Skizze von Fred Debrock.

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