Monocle: Eine Oase frei von Celebrities

5. März 2007, 13:39
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"Wallpaper*"-Gründer Tyler Brulé sucht eine internationale Leserschaft mit Durchblick und Monokel

London - Mehr als 200 Seiten, viele bunte Bilder, fast noch mehr doppelseitige Anzeigen für Luxusmarken: Das lässt an Mode-und-Lifestyle-und-berühmte-Menschen-Illustrierte denken, insbesondere an das gerade auf Deutsch herausgekommene "Vanity Fair".

Doch die Ähnlichkeit endet hier. "Monocle" will mehr und anderes. Das dieser Tage in London erschienene Monatsmagazin überrascht mit der Absicht, eine Oase nicht für, sondern "frei von celebrities und Billigproduktionen" zu sein, und wendet sich an einen Markt, den es, glaubt man Marketing-Auguren, gar nicht mehr gibt: an Menschen, die über vieles aus der Welt unaufgeregt informiert werden wollen.

Infos für Vielreisende

Gründer und Chefredakteur Tyler Brulé glaubt nicht ans Marketing. Der 38-jährige gebürtige Kanadier, Gründer des Trendblattes "Wallpaper*", stilsicherer Redesigner der Schweizer Luftlinie und anderer Großkunden, Chef einer eigenen Design-Agentur und bis vor kurzem auch noch Talkshowmaster auf BBC, knüpft mit seinem jüngsten Produkt vielmehr bei einer frühen Begeisterung an. Sie galt klassischen Magazinen wie dem "Spiegel" oder dem "National Geographic", in England dem "Economist". Warum mache niemand etwas Vergleichbares für ein internationales Publikum von Vielreisenden und Ex-Patriots?

"Monocle" reicht von A wie Affairs bis D wie Design. Es hat Platz für eine immerhin sechs Textseiten lange Geschichte über "die größte nicht existente Kriegsmarine", die der Japaner, und eine ähnliche ausführliche über Chinas wachsendes Engagement in Afrika. Das erste Personality-Porträt beginnt tatsächlich erst nach 90 Seiten und handelt vom chilenischen Finanzminister. Aus Österreich wird nicht dessen Ex-Kollege beleuchtet, sondern, was um einiges spannender ist, der Lichtdesigner Bartenbach aus Innsbruck und ein neuer Wohnbau von Delugan Meissl.

Verkaufspreis: 12 Euro

Manches in der überreichen Themenpalette hat nur begrenzten Nutzwert. Immerhin bereitet es hohes optisches Vergnügen, was auch eine rare Tugend geworden ist. In seiner Mischung aus Strenge, Eleganz und pfiffigen Details erinnert das Layout an das von Brulé geschätzte brand eins und ein wenig auch an den großen Art Director Willi Fleckhaus.

12 Euro sind nicht wenig. Ob die Spekulation mit 120.000 Lesern aus einer internationalen Zielgruppe aufgehen wird? Brulé rechnet mit genügend Menschen ohne Aufmerksamkeitsdefizit. Für sie, so lautet sein zehntes Gebot, "möchten wir die Standards ein wenig höher setzen". (Michael Freund/DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.2.2007)

  • Artikelbild
    foto: monocle
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