"Firmenchefs müssen endlich Vorurteile kippen"

27. Februar 2007, 11:23
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Immer öfter müssen Arbeitnehmer um die 50 um ihren Job bangen - sie sind ihren Firmen trotz hoher Qualifikation meist "zu teuer"

Wien – In Österreich fliegen immer mehr Leute um die 50 auf die Straße. Dies trifft nicht nur Arbeiter und einfache Angestellte, sondern verstärkt auch das mittlere Management. Mit dafür verantwortlich ist für Gudrun Biffl, Arbeitsmarktexpertin beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) das "allzu ausgeprägte Senioritätsprinzip". Sprich: Trotz hoher Qualifikation sind diese Mitarbeiter "vielen Firmen zu teuer".

Zugleich fürchten viele Unternehmen die in Relation zu jüngeren Arbeitnehmern besseren Klagschancen ihrer älteren Mitarbeiter (wegen Sozialwidrigkeit) derart, dass sie diese "lieber rechtzeitig eliminieren und damit hohes betriebsbezogenes Wissen vernichten, als über eine für alle vernünftigere Lösung nachzudenken," stellt Biffl im Gespräch mit dem STANDARD fest. Ihr Vorschlag: Teilzeit- bzw. Teilpensions-Modelle.

"Lohnkostenentlastung"

Martin Gleitsmann, oberster Sozialpolitiker der Wirtschaftskammer, argumentiert mit Blick auf den Facharbeitermangel ähnlich: "Die Firmenchefs müssen endlich ihre Vorurteile in ihren Köpfen kippen." Um dies zu erleichtern, sollte "das Senioritätsprinzip verstärkt in die Kollektivverhandlungen einfließen und dadurch die Lohnkurve abflachen". Die Lohnkostenentlastung müsste, laut Gleitsmann, bereits bei 50-jährigen Mitarbeitern (derzeit ab 60) greifen. Er spricht dabei seiner Klientel aus dem Herzen, die in Umfragen vor allem die politischen Rahmenbedingungen kritisieren, sich aber über ältere Arbeitnehmer selbst positiv äußern: Diese seien "besonders zuverlässig, verantwortungsbewusst und loyal", hieß es zuletzt in einer aktuellen Umfrage bei 700 Unternehmern.

Das gute Zeugnis nützt Menschen über 45, die ihren Job verlieren, freilich wenig. Biffl: "Ein Wiedereinstieg in ein fixes Arbeitsverhältnis gelingt derzeit sehr selten." Bleiben sie arbeitslos, liegt ihre "Verweildauer" mit derzeit 104 Tagen weit über dem Durchschnitt (87 Tage).

Rüge aus Brüssel

Das derzeitige Durchschnittsalter der Firmenbelegschaft liegt in Österreich bei 40 Jahren und bewegt sich rapide in Richtung 45 bzw. 45 plus. Die Beschäftigungsquote der Älteren dümpelt bei 30 Prozent und hinkt damit dem EU-Wert um zehn Prozentpunkte, dem vom Europäischen Rat angepeilten Ziel sogar um 20 Prozentpunkte, hinten nach. Österreich wird deshalb regelmäßig von Brüssel gerügt. Mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, ein niedrigerer Kündigungsschutz und Weiterbildung bis ins Alter würden den Negativtrend umkehren können, zeigt Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, die Richtung für Österreich auf.

Mehr betriebliche Weiterbildung würde sich der Chef des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS), Herbert Buchinger, wünschen. Im STANDARD-Gespräch kündigt er neue Qualifizierungsaktionen für Ältere als einen der Schwerpunkte für 2007 an.

Falsches Geburtsjahr

130.000 ältere Menschen vermittelte das AMS im Vorjahr. Viele bekamen aber nicht einmal die Chance auf ein Vorstellungsgespräch, "weil ihnen schon allein der Blick auf ihr Geburtsjahr eine Absage einbrachte," schildert der AMS-Chef. Buchinger muss sich freilich auch selbst der Kritik stellen. In einer Diskussionsveranstaltung mit älteren Arbeitslosen des Vereins "Zum alten Eisen" ging es am Donnerstagabend primär um schlechte Beratung und unsinnige Kurse. So bekam etwa "ein studierter Betriebswirt einen Betriebswirtschaftslehrgang aufs Auge gedrückt". Einem anderen wurde "ein Englischkurs verordnet, weil sonst nichts anderes frei war". (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.2.2007)

  • Ältere Mitarbeiter gelten als "besonders zuverlässig und loyal". Trotzdem landen sie oft nur draußen vor der Tür.
    foto: standard/andy urban

    Ältere Mitarbeiter gelten als "besonders zuverlässig und loyal". Trotzdem landen sie oft nur draußen vor der Tür.

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