"Es gibt nichts, was in einer Qualitätszeitung nicht Platz hätte"

25. Juli 2007, 16:16
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Chefredakteur Gerfried Sperl und seine Nachfolgerin Alexandra Föderl-Schmid waren am 19. Februar zu Gast im Chat

STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl und seine Nachfolgerin, Alexandra Föderl-Schmid, standen im derStandard.at-Chat den Userinnen und Usern Rede und Antwort. Föderl-Schmid wird mit 1. Juli die Chefredaktion übernehmen.
Unter ihrer Ägide soll der "Weg weitergegangen werden, der der in den vergangenen bald zwei Jahrzehnten unter Gerfried Sperl und Oscar Bronner beschritten worden ist". Bei Hilton und Lugner "geht es nicht darum, dass man darüber berichtet, sondern wie man berichtet". Sperl hat angekündigt, als Leiter der Montagsgespräche und als wöchentlicher Kolumnist den "Machthabenden in Österreich weiter auf die Nerven gehen zu wollen". Sperl sieht die "Presse" im Vergleich zum STANDARD "oberflächlich liberal, in ihrem Kern aber streng (katholisch) konservativ". Die Zusammenarbeit zwischen Print und Online will sie noch stärker forcieren. Ob gravierende Änderungen unter ihrer Führung geplant sind, möchte Föderl-Schmid nach ihrem Amtsantritt in einem weiteren Chat bekannt geben.

Photoblog von Matthias Cremer: Meine neue Chefin und mein alter Chef beim Chatten
Nachlese: Generationswechsel in der Chefredaktion des STANDARD

Moderatorin: derStandard.at begrüßt DER STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl und seine Nachfolgerin Alexandra Föderl-Schmid im Chat. Wir bitten die UserInnen um Fragen.

Föderl-Schmid, Sperl: Sperl: Ich bin noch immer unter dem Eindruck des riesigen Beifalls der Redaktion und der Mitarbeiter des Hauses zur Person meiner Nachfolgerin. Föderl-Schmid: Ich freue mich über diesen großen Vertrauensbeweis und weiß auch, dass die Schuhe sehr groß sind in die ich bald schlüpfen muss.

Userfrage per Mail: Wie wird der STANDARD in zehn Jahren aussehen?

Föderl-Schmid: Der Standard wird weiterhin die beste Qualitätszeitung in Österreich sein und den Weg weiter gehen, der in den vergangenen bald zwei Jahrzehnten unter Gerfried Sperl und Oscar Bronner beschritten worden ist.

Enduser: Wo sehen Sie den USP einer gedruckten Zeitung? Geschwindigkeit, Vollständigkeit und Interaktivität wird ja erfolgreich vom Internet besetzt. Die ausführliche Recherche belegen die Magazine. Haben Sie keine Angst mit Nachrichten von gestern auf der S

Sperl: Schon die Erfolgsgeschichte des Fernsehens hat die Printmedien gezwungen sowohl Präsentation als auch Inhalte anzupassen. Das wird auch durch Internet so sein und ist es bereits. Beispiel: kürzere Meldungen bis Blitzmeldungen. Für mich ist aber gerade das Gegenteil eine Konsequenz, nämlich erstens die Renaissance der faszinierend geschriebenen Reportage, geschichtenerzählende Bilder und der kommentierende von Fachwissen getragene Kommentar.

Florian Hackl #1: dr. sperl, welchen rat werden sie ihrer jungen nachfolgerin auf den weg mitgeben?

Sperl: Für die Politiker des Landes unberechenbar zu sein, ihre bisher unbestechliche Art beizubehalten und die JournalistInnen des Standards auch in stürmischen Zeiten motivieren zu können.

Moderatorin: an afs: Welchen Rat geben Sie Herrn Sperl für die Zukunft?

Föderl-Schmid: Den Standard weiterhin mit seiner inspirierenden Kraft anzutreiben.

Userfrage per Mail: Herr Sperl, was machen Sie in der Pension?

Sperl: Erstens werde ich nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden, weil ich die Montagsgespräche weiter leite und eine wöchentliche Kolumne schreibe. D.h. ich gehe den Machthabenden in Österreich hoffentlich weiter auf die Nerven. Dazu noch ich werde hoffentlich öfter auf meinen Pferden sitzen.

Don Vincenzo: Frau Föderl-Schmid, ich gratuliere ihnen für die Wahl. Jedoch befürchte ich, dass der Standard noch wirtschaftslastiger sein wird, als er es ohnehin schon ist. Liege ich da richtig

Föderl-Schmid: Das glaube ich nicht. Aufgrund meiner Biographie ist das nicht zu befürchten. Ich habe als Chronik- und Innenpolitik- Journalistin des Standard in OÖ begonnen und war 13 Jahre im Ausland. Aufgrund dieser Erfahrungen ist mir beides wichtig. Meine Wurzeln in der Region und der Blick hinaus. Denn Österreich ist nicht der Bauchnabel der Welt auch wenn man sich sehr oft dafür hält.

wurst case: Vorerst Gratulation an Frau Föderl-Schmid, und auch an den Standard-"Alt"-Chefredakteur zur sehr mutigen Entscheidung! Wird es in der Standard-Print-Wirtschaftsabteilung nun auch wieder eine Chefin geben?

Föderl-Schmid: Diese Frage ist noch offen, zumal ich bis Juli meine bisherige Funktion im Wirtschaftsressort voll ausübe.

Userfrage per Mail: Warum gibt es sowenige Frauen in Führungspositionen von Redaktionen?

Sperl: 1. Es gibt noch immer zu wenig Bereitschaft Frauen in mittlere Positionen zu hieven. ORF-Chefredakteur Amon hat in einem Profil-Interview gemeint, man müsse Frauen vor Überforderung schützen. Ich glaube das nicht. Frauen beweisen schon seit langem, dass sie den rauhen Bedingungen des modernen Berufslebens gewachsen sind.

Pflanze: Der Standard soll Ihrer Meinung nach die beste Qualitätszeitung Österreichs sein bzw bleiben! Was unterscheidet Sie Ihrer Meinung nach von der zweiten Qualitätszeitung Österreichs, "Die Presse"

Föderl-Schmid, Sperl: Sperl: Der Standard hat nicht nur eine liberale Haltung, sondern ist auch in vielen inhaltlichen Positionen liberal, Beispiele: Abtreibung, Schwule und Lesben, wie schon beschrieben die Frauenfrage, Bildungsthemen und Universitäten,... Die Presse ist oberflächlich liberal, in ihrem Kern streng (katholisch) konservativ. Föderl-Schmid: Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Optik, die Presse beschränkt sich selbst mit ihrer monothematischen Seite 1. Eine Stärke des Standards ist es auch, im Gegensatz zur Presse, kontroversielle Standpunkte zu publizieren und zuzulassen.

Süßholz: Was werden Sie im Standard verändern, Frau Föderl-Schmid?

Föderl-Schmid: Es ist jetzt noch nicht der Zeitpunkt, Ankündigungen in diese Richtung zu machen. Über alles andere gebe ich gerne in einem weiteren Chat Anfang Juli Auskunft.

Gerwin Winter: Wird der Standard mit dem Online-Standard künftig stärker zusammenarbeiten?

Föderl-Schmid: Afs: Ja, das möchte ich, da ich meine, dass hier noch gewaltige Verbesserungsmöglichkeiten liegen, die bisher zu wenig genutzt wurden. Z.B. sollten wir den standard.at auch stärker einbinden, wenn es um Exklusivgeschichten des Printstandard geht. Dies macht in perfekter Weise der Spiegel und spiegel.online vor, wobei es natürlich bei der Zusammenarbeit zwischen einer Wochenzeitschrift und einer Onlineausgabe andere Gesetzesmäßigkeiten als zwischen einer Tageszeitung und der Onlineschwester gibt.

lalagugu: Herr Sperl, was macht aus Ihrer Sicht einen guten Journalisten aus?

Sperl: 1. Neugier. 2. Kontaktfreudigkeit. 3. Mut. 4. Immerwährendes Lernen. 5. Unbestechlichkeit. 6. Fremdsprachenkenntnisse. 7. Ein bisschen wie eine Schreibmaschine zu sein.

Enduser: PH und Lugner, ein Produkt der Klatschmedien - haben solche Personen überhaupt Platz in einer Qualtitätszeitung - bzw. warum ?

Föderl-Schmid, Sperl: Sperl: Es gibt nichts was in einer Qualitätszeitung nicht Platz hätte. Es geht aber darum, welche Bedeutung man der jeweiligen Person und dem jeweiligen Phänomen zumisst, und mit welchen schreiberischen Standards man diese Phänomene beschreibt. Föderl-Schmid: Es geht nicht nur darum, dass man darüber berichtet, sondern wie man darüber berichtet und eine kritische Annäherung an diese Phänomene wird auch vom Standard erwartet. Sperl: Ein kleines Beispiel: Am Tag des Opernballs hatte der Standard in der Wienausgabe Anna Netrebko auf dem Titelbild, der Kurier Paris Hilton.

franz eiffe: Was halten Sie davon den Montagsstandard etwas aufzupäppeln? Momentan ist der ja eher mager. Da sollte man sich etwas einfallen lassen.

Föderl-Schmid, Sperl: Sperl: Der Montag ist überhaupt nicht mager. so wie El País, Le Monde und die Süddeutsche Zeitung publiziert der Standard eine englischsprachige Beilage der New York Times. Wir tun dies am Montag. Außerdem publizieren wir auch am Montag die beste Medizin-Beilage des Landes. Föderl-Schmid: Bei meinem Amtsantritt vor sieben Monaten publizieren wir im Wirtschaftsteil jeden Montag ein Frage-Antwort-Interview.

Aguire: Würde sehr gern für den Standard arbeiten. Welche Voraussetzungen gibt es eigentlich dafür?

Sperl: Sie müssen eine Bewerbung schreiben. Ich bitte Sie gleichzeitig Textproben beizulegen.

Userfrage per Mail: Der Standard war in letzter Zeit kaum in der ORF-Pressestunde vertreten. Warum?

Sperl: Als Herr Jelinek unter dem Regime Lindner-Mück an die Macht kam wurde ich nicht mehr eingeladen. Dies hat sich unter der neuen Führung geändert. Der neue Informationsdirektor hat dieses Embargo aufgehoben. Ich durfte gestern erstmals wieder auftreten.

peter passler: Koennen Sie Auskunft geben, wie diese Wahl, oder Auswahl, zu stande gekommen ist?

Sperl: Frau Dr. Föderl hat von dem Moment an, als die Frage der Nachfolge das erste Mal besprochen wurde zu den KandidatInnen gehört. Schließlich ist sie auf den jeweiligen Kandidatenlisten der Eigentümer, des Herausgebers, des Geschäftsführers und des Chefredakteurs an erster Stelle gewesen. Auf meiner Shortlist gab es überhaupt nur eine Person. Daher war die Entscheidung einstimmig.

Userfrage per Mail: Als Fleischhacker Chefredakteur wurde, gab es eine Abstimmung der Redaktion, die neue Chefredakteure mit Zweidrittelmehrheit ablehnen kann. Gibt es derartige Abstimmungen auch beim Standard?

Sperl: Der Standard hat kein Redaktionsstatut, das solche Abstimmungen vorsehen würde. Der Standard hat einen sehr starken Betriebsrat der vom Innenpolitikredakteur Conrad Seidl geführt wird.

Thomas Schned: Was halten Sie von ihrem Konkurrenten, "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker?

Sperl: Michael Fleischhacker hat ja zwei Jahre im Standard als Chef vom Dienst gearbeitet und sich bei uns jenes Rüstzeug geholt, das er heute so bitter notwendig hat. Er ist mir außerdem ein temperamentvoller Gesprächspartner.

Brett Sinclair: Sehr geehrte Frau Föderl-Schmid, wird der Standard weiterhin so SP-lastig bleiben?

Föderl-Schmid: Ich glaube nicht, dass dieser Vorwurf zutrifft. Ich erinnere nur an unsere Berichterstattung über den Bawag-Skandal und an unsere Kommentare nach dem Amtsantritt der von Gusenbauer geführten Regierung.

Chris_SM: Frau Föderl-Schmid, wie würden Sie Ihr politisches Weltbild beschreiben?

Föderl-Schmid: Liberal und weltoffen, gleichzeitig heimatverbunden.

Don Vincenzo: Herr Sperl, Frau Föderl-Schmid, mir fällt es (ganz besonders beim Kultur-Ressort) auf, dass der Standard mit der häufigen Verwendung von Fremdwörtern und mit der Länge der Sätze übertreibt. Man will den Ruf einer Qualitätszeitung nicht verlieren, ab

Sperl: Damit beschäftige ich mich immer wieder und erziele sogar Teilerfolge.

Enduser: Warum schreiben in dem Kommentarkasten auf Ihrer ersten Seite immer die Selben? Niemanden (auch nicht RAU) kann täglich ein sinnvoller Kommentat einfallen - wie man leider immer öfter merkt. Wie wäre es diesen Platz einmal in der Woche einem Leser o

Sperl: Auf Seite 1 schreibt nicht nur rau sondern auch dag. Und auf Kommentar der Anderen gibt es die Möglichkeit Leserbriefe und Kommentare zu veröffentlichen.

Userfrage per Mail: STANDARD und dessen Online-Ausgabe sind getrennte Firmen, war der Zeitung zu entnehmen. Gibt es auch getrennte Redaktionen?

Sperl: Ja.

Rafaela: ist das erreichen des chefredakteursposten ein berufsziel für sie gewesen? oder gibt es da auch zwiepältige gefühle?

Föderl-Schmid: Nein. Es war kein Ziel, das ich angestrebt habe, aber ich bin dafür ausgewählt worden. Mein Ziel war immer möglichst viel Spaß an der Arbeit zu haben und ich hoffe, dass das weiter so sein wird. Ich bin mir aber bewusst, dass das in Zukunft viel schwieriger zu erreichen sein wird.

Graf Bobby: Frage an CR Sperl: Warum treten Sie gerade zum jetzigen Zeitpunkt zurück? War es der Tod von Alfred Worm, der Sie dazu bewogen hat?

Sperl: Nein, denn ich habe meinen Rücktritt zwei Tage vor Weihnachten intern dem Herausgeber bekannt gegeben.

Graf Bobby: Ist es die Aufgabe einer Qualitätszeitung eine eindeutige inhaltliche Position zu beziehen, wie Sie es beschreiben?

Sperl: Zum Selbstverständnis des Standards gehört es seit seiner Gründung, dass es zu den verschiedensten Inhalten innerhalb der Redaktion verschiedene Positionen geben kann und diese auch veröffentlicht werden. Deshalb unsere Pro und Kontra-Kommentare auf der Kommentarseite. Ausgenommen sind Linienfragen wie die Ablehnung der Todesstrafe.

Rafaela: was ist für sie das positive am beruf der journalistin? was ist das negative?

Föderl-Schmid: Positiv: Dass man Dinge bewegen kann. Negativ: Dass man vielen Einflüssen ausgesetzt ist.

Moderatorin: derStandard.at bedankt sich bei Frau Föderl-Schmid, Herrn Sperl und den UserInnen. Auf Wiedersehen und schönen Tag noch.

Föderl-Schmid, Sperl: Auf Wiedersehen und Danke für Ihr Interesse und wir wünschen Ihnen einen wolkenlosen Tag.

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