Die "Bahnhofcity" als Stadtteil der Zukunft

2. März 2007, 11:29
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Wie lassen sich Fehlplanungen in Wien vermeiden? Eine STANDARD-Diskussion zum Thema Städteplanung 2007

Der Wettlauf urbaner Metropolen um Standortvorteile, Lebensqualität und Drehscheibenfunktion internationalen Formats wird immer härter. Was den Mehrwert der Großstadt Wien ausmacht und welche Strategien eine zukunftsorientierte Stadtplanung verfolgen sollte, diskutierten Stadtplaner, Investoren, Architekten und Immobilienberater bei einer mit Tecno Office Consult veranstalteten Standard-Diskussion am Mittwochabend.

Der Ort des von Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl moderierten Gesprächs, das imposante, an einem peripheren Standort gelegene T-Mobile-Center von Architekt Günter Domenig stand für ein zentrales Problem: Die oft suboptimale Anbindung von Hoffnungsgebieten der Stadtentwicklung an den öffentlichen Verkehr.

Bahnhofcity

"Gute Lage", oberstes Werteprinzip für Michael Koschier von der Soravia-Gruppe, entstehe nicht von selber, unterstrich der Innsbrucker Architekt Peter Lorenz die Qualität des gesamten öffentlichen Raums. Den Negativbeispielen schwer erreichbarer und unbelebter Großprojekte wie der Donaucity und der weithin sichtbaren Türme am Wienerberg setzte der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker die großen innerstädtischen Entwicklungsgebiete auf Bahnhofsterrain entgegen, allen voran das 60-Hektar-Gelände des geplanten Wiener Hauptbahnhofs. Eine an deutsches Vorbild angelehnte "Bahnhofcity" mit Büros, Wohnungen und einem Einkaufszentrum soll alle Anforderungen der Stadt der Zukunft erfüllen, schwärmte Michaela Steinacker, Geschäftsführerin der ÖBB-Immobilienmanagement GmbH. - Auch wenn der Flughafen-Express City Airport Train (CAT) knapp daran vorbeifahren wird und die nächstgelegene U-Bahn-Station nur per Verbindungstunnel erreichbar sein wird (siehe Grafik).

"Der Hauptbahnhof soll den internationalen Flug- und Schienenverkehr vernetzen, der CAT die Menschen vom Mittelpunkt der Stadt zum Flughafen bringen, das U-Bahn-Netz ist dazu da, eine möglichst große Breite anzusprechen", begründete Schicker das "Rollen-Splitting".

Dem Vorschlag Sperls, die immer gleiche Mischnutzung von Einkaufen, Wohnen und Arbeiten aufzulockern und der kulturellen Entwicklung durch die Einplanung einer Moschee am Hauptbahnhof Rechnung zu tragen, stand auch der städtische Planungsdirektor Kurt Puchinger durchaus offen gegenüber.

"Ganz gut"

"Wir sind schon ganz gut, auch wenn wir immer besser werden können", lautete die lapidare Antwort von Puchinger auf die Frage von Lorenz, ob es denn Grund zu Selbstlob gebe. Überhaupt sollten die baulichen Strukturen für die Attraktivität einer Stadt "nicht überschätzt" werden, meinte Puchinger. Wesentlich für die Stadtplanung sei jedoch die Etablierung von "Kooperationsschienen zwischen den Verantwortlichen für die Rahmenbedingungen und jenen, die Geld riskieren, um die Entwicklung voranzutreiben".

Um Investoren und Developer anzuziehen, müssten Standorte großräumiger vermarktet und professionell betreut werden, erklärte Wolfgang Scheibenpflug von der CPB Immobilientreuhand. "Wir sind uns des Schatzes, auf dem wir sitzen, oft gar nicht bewusst," spielte Scheibenpflug auf Werte wie Sicherheit, Kultur und Weltoffenheit an. Koschier forderte mehr Kreativität von Großteams ein, um nicht am Markt vorbei zu planen, was etwa ein Überangebot an Büroflächen zur Folge hätte.

"Es wird zu wenig Zeit in Vorplanung investiert", befand Ewald Stückler, Geschäftsführer der Tecno Office Consult und Hauptinitiator der Diskussion. Nur der Dialog zwischen Wohnen und Arbeiten, die "work-life-balance", mache eine Stadt lebenswert und belebt. (Karin Krichmayr, DER STANDARD print, 16.2.2007)

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