Wenn das Diktafon zweimal klingelt: "Interview" im Stadttheater Walfischgasse

15. Februar 2007, 19:26
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Regisseur Peter Patzak bringt Theo van Goghs Film in einer Bearbeitung von Theodor Holmann

Wien - Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Diese alte Quittung konnte der niederländische Regisseur Theo van Gogh seiner (Nach-)Welt noch in filmischer Natur vorlegen: Interview, ein Psychoduell zwischen einem Journalisten und einem Soap-Starlet, das zeigt, wie bisskräftig sich eine aneinandergeschweißte Gesellschaft verhält, wenn Begehrlichkeiten entstehen.

Die etwas eindimensionale, reichlich klischeebehaftete Story ist seit Mittwochabend in einer Bühnenversion von Theodor Holmann am Stadttheater Walfischgasse zu sehen. Regie: Peter Patzak!

Aber: Was bewegt einen solchen Regisseur dazu, sich für ein plattes, dialogisch unterdurchschnittliches Kammerspiel ins Zeug zu legen? Eines, das die von Glamourmagazinen einerseits und journalistischen Klischeebildern andererseits geschürten Halbwahrheiten mit dem Elefantenfuß breittritt:

Der Redakteur besucht die TV-Queen zu Hause, um sie mit leger geschwenktem Diktafon nach den intimen Details ihres wahren Lebens zu fragen. Man spricht viel über innere und äußere Werte und deren leidige Verkehrung.

Elke Winkens als deprimiertes, weil von der Öffentlichkeit leer gepumptes Film-sternchen Katja huscht regelmäßig ins Badezimmer zum Kokainbesteck. Ihrem Interviewer Pierre, einem kurzfristig zum Gesellschaftsreporter verdonnerten und darüber angewiderten Politikredakteur (Dieter Laser: "Ich könnte jetzt in Beirut sein!") begegnet sie mit den fein säuberlich gelernten Taktiken der Klatschpresse. Die einander abgerungenen Informationen werden sich schließlich die Waage halten. Niemand hat verloren, aber, wie das meistens ist, auch keiner hat gewonnen.

Hier schaukeln sich zwei an den eigenen Leiden hoch (inhumane Methoden der Medien, Kriegsreporterdepression). Und sie benützen für diesen sadomasochistischen Psychoschaukampf fleißig den jeweils anderen. Die psychologische Präzision war Patzaks vordergründiges Interesse.

Viel schwerer aber als das zwischen Winkens und einem stellenweise outrierenden Laser gut gemeisterte Drama wiegt die Raumerzeugung Patzaks. Seine Bühne liegt da im Zustand der Atemlosigkeit, der einen, um hochzustapeln, durchaus an die Geisterstube in David Lynchs Blue Velvet erinnert: Ein mit blassblauen Tapetenwänden eingefasster dreiseitiger Wohnsalon, der mit den im Hintergrund angrenzenden Zimmern durch die fein abgestufte Ausleuchtung von der Düsternis dieser wölfischen Existenz mehr erzählt als sämtliche Affektdarstellungen der Inszenierung.

Was bleibt? Keine fette Beute, aber ein Peter Patzak, der sichtlich etwas vorhat. Sollte er mit seinen Studenten der Wiener Filmakademie auf weiteres brauchbares Material stoßen, dann wäre - der Freude von Intendantin Anita Ammersfeld nach zu schließen - das Stadttheater wieder eine mögliche Adresse. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2007)

  • Die Nähe trügt: Das Starlet (Elke Winkens) und sein Reporter (Dieter Laser) verbeißen sich unter Peter Patzaks Regie in ein hartnäckiges Psychoduell.
    foto: reinhard bimashofer

    Die Nähe trügt: Das Starlet (Elke Winkens) und sein Reporter (Dieter Laser) verbeißen sich unter Peter Patzaks Regie in ein hartnäckiges Psychoduell.

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