Kino und andere akustische Irritationen

15. Februar 2007, 18:18
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Neue Arbeiten von Christian Petzold und Jacques Rivette: zwei weitere ernsthafte Favoriten für den Goldenen Bären

Der fortgesetzte Kinobesuch auf Festivals geht einher mit einer Sensibilisierung des Gehörs. Gegenüber dem Getöse und der einheitlichen musikalischen Übertünchung mancher Großproduktion profilieren sich einzelne Filme über akustische Differenziertheit.

Zum Beispiel Christian Petzolds kühles Drama "Yella": Der laute Knall eines Flugzeugs, das die Schallmauer durchbricht - das ist die Begleitmusik, wenn der abfahrbereiten Titelheldin (Nina Hoss) statt eines Taxifahrers unerwartet ihr Exmann (Hinnerk Schönemann) gegenübersteht. Unmittelbar darauf wird sie doch zu ihm ins Auto steigen.

Damit beginnt eine Reise vom Osten der Republik nach Hannover. Dort bleibt ein insolventer Jungunternehmer zurück, da lernt Yella einen Vermittler von Risikokapital (Devid Striesow) kennen. Ein paar Tage lang wird sie ihn bei seinen Besprechungen mit Klienten unterstützen. Aber ähnlich wie zuletzt etwa in Jessica Hausners "Hotel" reibt sich eine subjektive Wahrnehmung eigentümlich an der vermeintlichen Normalität von Abläufen und Begegnungen. Bald irritiert der buchstäbliche Nachhall eines Autounfalls, nach dem Yella benommen einem Fluss entsteigt, die realistische, in klar strukturierte Einstellungen gefasste Oberfläche der Erzählung.

Sound: Irritation

Ein Unfall, sagte der Petzold bei der Pressekonferenz, das sei oft zuallererst ein irritierendes Geräusch - in "Yella" ist es "der Aufschlag des Unterbodenschutzes auf den Asphalt". Die Atmosphären des Films sind deutlich an den Sound von Materialien und Räumen gekoppelt - eine Erfahrung, die sich in den Kontext der Berlinale fortsetzen lässt:

Die spielt sich nicht nur in den Multiplexen am Potsdamer Platz, diversen Studios und alten Einsaalkinos wie dem Delphi oder dem International ab. Sondern sie breitet sich auch zu einem beträchtlichen Teil in die Luxushotellerie der Stadt aus, wo einen in marmornen, zu den oberen Stockwerken hin geöffneten und deshalb gerne zugigen Foyers schnell leichtes Frösteln befällt, und die Passage durchs Gebäude akustisch vom gleichförmigen Dröhnen der Klimaanlagen oder elevator music begleitet wird.

Solche Stimmungen, Klänge und Geräusche sind auch in "Yella" wahrzunehmen, Musik kommt ansonsten nur sparsam und damit umso wirkungsvoller zum Einsatz.

Gleich fällt einem dazu als Negativbeispiel "Irina Palm" von Sam Garbarski ein, der vorläufige Crowdpleaser im Wettbewerb, in dem es um eine etwas verhuschte ältere Frau geht. Die tritt, um eine lebensrettende Operation für ihren Enkel zu finanzieren, eine Stelle in einem Sexclub in Soho an: Maggie (Marianne Faithful) sitzt fortan mehrere Stunden täglich in einem unwirtlichen Kämmerchen. Nur durch eine kleine runde Öffnung in der Wand mit ihren anonymen Kunden verbunden, wird die "wanking widow" zum Zugpferd des Unternehmens - und holt sich dabei einen "Penisarm". Was für ein Lacherfolg. Dazu betreibt der Film noch eine penetrante Form von musikalischer Überdeterminierung mittels E-Gitarre, deren düstere Akkorde die ohnehin schon plakativen Bilder und Figuren mit zusätzlichen Rufzeichen versehen.

Raum: Klang

Der Klang von Jacques Rivettes "Die Herzogin von Langeais" ("Ne touchez pas la hache") ist dagegen wieder deutlich mit den Orten verbunden, in denen sich das Geschehen entfaltet: die Schreie von Möwen vor einem spanischen Kloster hoch über dem Meer, das Geräusch von Schritten auf Stein- oder Holzböden in Pariser Residenzen, das brennende Holz in offenen Kaminen oder ein kleines Streichorchester bei einer Tanzsoiree in einem mondänen Salon.

Rivette hat, unter anderem wieder von Pascal Bonitzer als Co-Autor unterstützt, neuerlich eine Erzählung von Honoré de Balzac filmisch umgesetzt. Anders als in "La belle noiseuse" (1990), bleibt "Die Herzogin von Langeais" im frühen 19. Jahrhundert angesiedelt. Zwischen einem französischen General und der verheirateten Herzogin entspinnt sich eine tragische Liebesgeschichte. Guillaume Dépardieu und Jeanne Balibar spielen dieses Paar, das sich in Dialogen umkreist, Verführung probt und Kräfte misst, gesellschaftliche Konventionen pflegt und herausfordert.

Obwohl Rivette die Vergangenheit mit großer ausstatterischer Sorgfalt rekonstruiert, ist "Die Herzogin von Langeais" kein klassischer Kostümfilm: Wie kleine Kommentare interpunktieren instruktive Schriftinserts die einzelnen Episoden. Man sieht den Figuren bei ihrem verhängnisvollen Spiel zu und zugleich den Darstellern bei der Ausübung ihrer Profession. Man sieht eine historische Fiktion und gleichzeitig die Arbeit eines bald 79-jährigen Regisseurs, die in ihrer unbeirrbaren Haltung herausfordert - und fasziniert. (Isabella Reicher aus Berlin / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2007)

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Gespenstisch: Nina Hoss in Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Yella".
    foto: berlinale

    Gespenstisch: Nina Hoss in Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Yella".

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