Demnächst auf einem Minischirm

15. Juni 2007, 13:23
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Paradoxe Welt: Die Bildschirme in unseren Wohnzimmern werden größer und billiger - Bei Handys wird die Popularität von TV von den Gebühren bestimmt

Paradoxe Welt: Die Bildschirme in unseren Wohnzimmern (und auf unseren Schreibtischen) werden immer größer, ein Meter Diagonale (40 Zoll) ist derzeit bereits guter Standard und jährlich wachsen die TV-Displays, während die Preis purzeln.

"The next big thing"

Andererseits soll Fernsehen auf dem Handydisplay "the next big thing" werden. Big vielleicht für Hersteller, Mobilfunker und Contentlieferanten, klein für unsere Augen und (Hand-)Taschen. Wird TV und Video tatsächlich ein solches Standard-Feature auf unseren Handys wie Kameras, Musik oder Internet? Die Antwort ist dreiteilig: Ja; vielleicht; aber ganz anders.

Kosten

Ja aus technischer Sicht: Nokia beziffert seine Kosten für einen TV-Tuner im Handy mit sieben Euro pro Stück. Übersetzt bedeutet das: Bei Handys, die 250 Euro oder mehr kosten, wird TV-Empfang zum Standard, nach dem bewährten Muster: mehr Features zum gleichen Preis statt gleich viele Features bei fallenden Preisen.

KOnsumenten

Vielleicht aus Konsumentensicht: denn der Alltag ist voller Situationen, in denen wir uns ein paar Minuten lang die Zeit vertreiben wollen, beim Warten auf den Bus, den Flieger, im Wartezimmer der Arztpraxis. Ein paar Minuten Fernsehen sind eine gute Überbrückung, und der kleine Bildschirm wird dabei kein Hindernis sein.

Formate

Aber ganz anders müssen die Formen der Videos werden, um auf die kleinen Handydisplays zu passen. Breitleinwand für die Tasche wird kein Heuler sein. Dabei kommt den Herstellern das YouTube-Phänomen gelegen: Am besten, User machen sich ihre Videos selbst, die sind erstens gratis, zweitens (mangels üppiger Produktionsausstattung) für das kleine Bild gemacht, drittens kurz - scheinbar also ideal für genau diese Funktion des Zeitvertreibs. Das Sundance-Festival hat erstmals Filme kommissioniert, die speziell fürs Handy gedreht werden sollen.

Technik

Um das besser zu verstehen, muss man technisch ein wenig ausholen. Es gibt mehrere Arten, TV bzw. Video auf das Handy zu bringen: Erstens per digitaler Live-Ausstrahlung (DVB-H, ein Cousin von DVB-T, auf das derzeit das Fernsehen umgestellt wird, in Österreich nicht vor 2008 im Regelbetrieb). Der Vorteil: Beliebig viele Menschen können zuschauen, ohne die Kapazität des Funknetzes zu belasten.

Live-TV

Zweitens als Video-"Stream" im Internet, wie zum Beispiel YouTube-Videos oder die "ZiB 2" on demand. Zwar kann man so auch Live-TV empfangen, aber das verbraucht sehr viel Kapazität im Funknetz. Darum soll, drittens, eine neue Form von Internet-Broadcasting (MBMS) sparsamer mit der Netzkapazität umgehen als individuelle Abrufe und damit für Live-TV besser geeignet sein. Und die Qualität des Bildes hängt letztlich nicht nur von der Größe, sondern auch der Auflösung des Displays ab.

Popularität und Gebühren

Die Popularität wird einmal mehr von den Gebühren bestimmt. Die Internet-Erfahrung lehrt: Hits wie YouTube sind nur möglich, weil sie großteils gratis sind. Zwar gibt es einen zahlenden Markt für TV-Serien oder Spielfilme, aber diese wiederum sind wenig handytauglich. Dennoch können die Mobilfunker einen Nutzen daraus ziehen. Denn erst durch Video (und Musik, weiterhin eine nicht geknackte Handynuss) werden die bereits getätigten Rieseninvestitionen in UMTS sinnvoll - Geld lässt sich mit Datenpauschalen (wie bei Datenkarten für PCs) verdienen. Aber nicht mit Newsclips zu Apothekerpreisen.(Helmut Spudich; DER STANDARD, Printausgabe vom 15.2.2007)

  • Artikelbild
    foto: nokia
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