Musikrundschau: Kollision zwischen Jazz und Klassik

15. Februar 2007, 18:41
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Neue Alben von Thomas Quasthoff, Mark Murphy, Sonny Rollins und Uri Caine

THOMAS QUASTHOFF "The Jazz Album" (Deutsche Grammophon)
Gemeinhin sind Mitleid und Skepsis angebracht, wenn Klassikkönner ihr Gebiet verlassen, um sich in poppigen oder jazzigen Gefilden auszutoben. Zu schwer scheint es grundsätzlich zu sein, die interpretatorischen Ansprüche eines Genres abzustreifen, um die Bedürfnisse eines anderen, etwa des jazzigen, zu erfüllen. Thomas Quasthoff hat dieses Mitleid allerdings nicht nötig.

Der grandiose Liedinterpret der Klassik hat schon live gezeigt, dass er ein hohes Verständnis für das Standard-Repertoire hat, dass er das Mikrofon als Instrument versteht und vokal zu dosieren weiß. Natürlich wird er hier - umgeben von Könnern wie Drummer Peter Erskine und produziert von Trompeter Till Brönner - nicht zu einem extrem subjektiven Interpreten, der die Songs bis zum Zerreißen spannt. Aber auf dem Parkett des Mainstream entfaltet er als Crooner großen Charme. Das edle Timbre, die Fähigkeit, Linien legatoselig schweben zu lassen, zeugt von hohem Verständnis für das Material. Chaplins "Smile" ist etwa aber auch ein Beispiel für Brönners Fähigkeit, Quasthoff ideale Arrangementbedingungen zu liefern. Unter diesen tönt dann Quasthoff ohne Vibrato und Pathos gleichsam wie ein Flügelhorn, das dezent Emotionen transportiert. Sehr nostalgisch ist das Ganze, hätte auch vor Jahrzehnten erscheinen können. Unzweifelhaft aber große Kunst. Quasthoff nimmt sich zurück und entfaltet doch all seine Qualitäten. Vor allem in Balladen.

MARK MURPHY "Love Is What Stays" (Verve)
Als Vergleich zu Quasthoffs Lyrik die Neuheit des großen, singenden Erzählers Mark Murphy. Es ist dies eine ganz andere Stimme, eine rau gefärbte, aber eine, die facettenreich zeigt, was Leichtigkeit der Phrasierung und spontane, subjektiven Verarbeitung von Material bewirken können. Quasthoff verleiht den Songs elegante Schönheit. Bei Murphy teilt sich eine Seele mit in einer sehr offenen, privaten Art des Gestaltens. Raffiniert der Einsatz von Farben. Überraschend, unberechenbar die Seelendarstellung. Aber immer magisch. Übrigens: Es produzierte wieder Till Brönner. Und erwähnenswert auch, dass sich unter den Gästen Saxofonist Lee Konitz findet und Murphy auch Songs von Coldplay verarbeitet.

SONNY ROLLINS "Sonny, Please" (Doxy Music/Universal) Die intensivsten Jazzeindrücke kommen - historisch gesehen - ja zumeist von den Unzufriedenen, den Zweiflern, jenen also, die die immer vorhandene Distanz zwischen realen Spielergebnissen und dem Kunstideal schmerzhaft spüren - so toll ihre musikalische Arbeit auch sein mag. So jemand war Sonny Rollins immer. Spannend seine Improvisationskämpfe mit sich selbst. Legendär aber auch seine Phasen des Rückzugs, in denen er an seiner Kunst arbeitete. Gottlob, er kam immer wieder zurück, gottlob: Er ist immer noch da. Die neue Aufnahme zeigt natürlich, dass er einst technisch sicher versierter war, kompakter. Es ist dies einfach das Dokument eines Musizierens ohne Anspruch auf technische Perfektion. Hier ringt einer um authentische Aussagen. Interessant und irgendwie rührend.

URI CAINE "Plays Mozart" (Winter & Winter/edel)
Da das Jubeljahr vorbei ist, kann man gelassen wieder etwas seine Kunst Betreffendes empfehlen. Zumal dann, wenn es sich um einen "Interpreten" handelt, dessen Originalität Mozart als Vorlage für höchst variantenreiche, kühne Ausdehnungen und Transformationen des Originals nimmt. Mozart ist für Pianist Uri Caine Anlass für das jazzige Spiel mit dem alten Material, kein Versuch, Klassik in Jazzkleidern swingen zu lassen. Amadeus wird als Inspirationsquelle radikal genutzt. Das Experiment ist vortrefflich gelungen. Hier tobt der lustige, produktive Wahnsinn! (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2007)

  • "Sonny, Please"
    foto: universal

    "Sonny, Please"

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