Gefahr aus dem Untergrund

22. Februar 2007, 18:47
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Die Fachwelt vertritt erstmals offensiv die These, dass es binnen Monaten in der Eifel zu einem Vulkanausbruch kommen könnte

Droht in Deutschland ein Vulkanausbruch? Die Fachwelt vertritt erstmals offensiv die These, dass es binnen Monaten in der Eifel zu einer solchen Katastrophe kommen könnte. Und ein Experte schlägt vor, Ameisen als Frühwarnsystem einzusetzen.

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Hamburg - Ein gewaltiger Knall lässt von Frankfurt am Main bis nach Köln Scheiben und Türen erzittern. In Bonn und Koblenz erblicken die Bewohner die Ursache des Lärms: Am Horizont steigt eine tiefrote Wolke auf, die Hügel der Eifel scheinen zu glühen. Dann prasseln Asche und Steine vom Himmel. Die Lava walzt Ortschaften nieder und sammelt sich im Rhein. Wasser staut sich bis in die Nebenflüsse und überschwemmt den Oberrheingraben.

Ein Vulkanausbruch in Deutschland, so scheint es, taugt allenfalls für einen Science-Fiction-Krimi. Der Geologe Ulrich Schreiber von der Universität Duisburg beschwört in seinem Roman "Die Flucht der Ameisen" die dramatischen Folgen einer Eruption in der Eifel. Doch Schreiber belässt es nicht bei Dichtung. Das Risiko einer Eruption in Deutschland werde missachtet, betont der Experte. Auf Tagungen und in Fachaufsätzen untermauert er derzeit seine These, Ameisenwanderungen könnten die Apokalypse ankündigen.

Erstmals wagt es ein Wissenschaftler, die Eifel nachdrücklich als Gefahrenzone einzustufen - und riskiert damit, als Katastrophenprediger verhöhnt zu werden.

Doch anstatt sich von den Thesen Schreibers zu distanzieren, erklären Fachkollegen, Schreiber lege in seinem Buch lediglich aktuelle Forschungsergebnisse dar. "Das beschriebene Szenario ist möglich", sagt der Seismologe Klaus-Günter Hinzen von der Universität Köln, der die Bodenbewegungen in der Eifel überwacht. Vermutlich stehe die Eifel am Beginn einer neuerlichen Aktivitätsphase, meint der Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, der die Eifelvulkane jahrelang erforscht hat.

Abruptes Ende

Deren letzte Ruhephase endete abrupt: Vor 12.900 Jahren kam es zu einer gigantischen Eruption in der Eifel. Asche schoss 30 Kilometer hoch und gelangte mit dem Südwestwind bis nach Schweden. Westdeutschland versank in grauem Ascheregen. Lava staute den Rhein bei Andernach. Tage später brach der Lava-Damm. Eine Flutwelle schoss bis in die Niederlande, meterhohe Schlammströme und Wassermassen begruben das Rheintal.

Die bislang letzten Eruption ereignete sich vor 11.000 Jahren und blieb regional begrenzt. In der Eifel finden sich Spuren Hunderter Vulkanausbrüche und Magma-Explosionen. Die sogenannten Eifel-Maare bilden heute eine reizvolle Seenlandschaft.

Experten, die die vulkanischen Ablagerungen untersucht haben, verwundert die inzwischen 11.000 Jahre lange Pause. Denn die Eruption des Laacher-See-Vulkans vor 12.900 Jahren war die erste seit gut 100.000 Jahren. Vieles spricht dafür, dass sie der Auftakt für eine lange Eruptionsserie gewesen ist, die bis heute anhält.

Weltweit folgen Vulkane analogen Zyklen. Verliefe es in der Eifel ähnlich, seien "in der allernächsten geologischen Zukunft" Eruptionen zu erwarten, schrieb der Geologe Gerhard Jentzsch von der Universität Jena bereits vor sechs Jahren in einem Gutachten für die Bundesregierung.

Am ehesten erwarten die Forscher lokal begrenzte Eruptionen. Dafür müsste sich nur noch ein wenig mehr Magma im Untergrund sammeln. Das könne binnen Monaten geschehen, erklärt der Geophysiker Joachim Ritter von der Universität Karlsruhe.

Vor allem zwischen Laacher See und Koblenz künden regelmäßig schwache Erdbeben von der Gefahr im Untergrund. Vermutlich löst aufsteigendes Grundwasser die Vibrationen aus. In den 1990er-Jahren meinten Forscher darin die Nachwehen der Eifel-Vulkane zu erkennen. Doch inzwischen deuten sie die Signale als Zeichen anhaltender Aktivität. Ein weiteres blubbert im Laacher See: Blasen zeugen von Kohlendioxid-Gas, das aus dem Magma stammt.

Warnende Ameisen

Ameisen würden einen bevorstehenden Ausbruch als Erste bemerken, meint Geologe Schreiber. Kohlendioxid verscheuche die Insekten aus ihren Nestern, die sie bevorzugt auf tektonischen Rissen in der Erde anlegten. Nachdem er mit Kollegen auf Tagungen Belege präsentiert hat, ist der ursprüngliche Protest der Ameisenforscher verflogen. Schreiber und Kollegen haben ihre Studien inzwischen bei renommierten Fachzeitschriften zur Begutachtung eingereicht. Verließen die Ameisen in der Eifel zuhauf ihre Nester, sei das ein Alarmsignal, sagt Schreiber. Ansonsten würde die drohende Gefahr wohl nicht auffallen.

Denn in der Eifel stehen kaum Messgeräte. "Eine systematische Überwachung der Vulkane", klagt Schreiber, "ist nicht möglich." (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 15. Februar 2007)

  • Die Vulkanseen in der Eifel sind stumme Spuren einer bewegten Vergangenheit. Droht nun, 10.000 Jahre nach dem letzten Vulkanausbruch, abermals Gefahr?
    foto: der standard/eifel touristik

    Die Vulkanseen in der Eifel sind stumme Spuren einer bewegten Vergangenheit. Droht nun, 10.000 Jahre nach dem letzten Vulkanausbruch, abermals Gefahr?

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