Metakulturelle Kommunikation

15. Februar 2007, 18:43
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Altsaxofonist Anthony Braxton im Gespräch über Politik, USA und musikalische Antworten

Wien - Nicht jedes Gespräch muss mit einer Frage beginnen. "Ich beginne das Interview mit diesem Statement", so ergreift Anthony Braxton sogleich das Wort: "Als Amerikaner bin ich äußerst unglücklich über mein Land. Der Irak-Krieg war die schlechteste Entscheidung in der Geschichte der US-Außenpolitik. Nun sind wir in einer Situation, wo wir nicht im Irak bleiben und den Irak auch nicht verlassen können."

Er sei zudem sicher, "dass dies der Beginn einer neuen Ära ist, die zum Zerfall Amerikas und zum Aufstieg Chinas führen könnte. Ich denke, die nächsten 20, 30 Jahren werden zeigen, ob sich Amerika von diesem Fehler erholen kann oder den Weg jedes Imperiums geht. Amerika ist an einer Wegkreuzung angelangt."

Streitbare Worte, mit denen Anthony Braxton hier einiges vorlegt. Wer Braxton nicht kennen sollte: Nein, dieser Herr ist weder Politiker noch professioneller Polit-Analyst, er ist - Musiker. Ein Wörtchen, das in Bezug auf den 61-Jährigen freilich wie eine simplifizierende Untertreibung anmutet: Braxton, das ist jener aus der Chicagoer Free-Jazz-Initiative AACM hervorgegangene Saxofon-Weltmeister, der heute als Professor für Komposition an der Wesleyan University in Connecticut lehrt und sich mit den Jahren zu einem komponierenden Musik-Demiurgen eigener Kategorie entwickelt hat.

Also stellt man die gleichsam wie einen Elfmeterball aufgelegte Frage: Wo Braxton im Rahmen dieser Sicht der globalen Dinge die Position des Musiker sieht? "Ganz sicher gibt es Raum und Möglichkeiten zur Reaktion. Eines der Mysterien des Kosmos für mich ist: Ruhige Zeiten bedeuten gute Bedingungen für die Musiker und die Musik."

Wenn alles vollkommen verrückt spiele, "dann bedeutet das seltsamerweise mitunter sogar noch bessere Bedingungen: weil sich die Kreativität aus den vibrierenden Synergien des 'wirklichen' Lebens speist", kommentiert er die vor allem in den USA zu beobachtende Tendenz der politischen Resensibilisierung der Musikwelt zwischen Pop (Neil Young, Green Day, Dixie Chicks etc.) und Jazz (Charlie Haden, Dave Douglas, Jon Hassell usw.) nach 9/11.

Braxton selbst ist eher dafür bekannt, seine Stücke mit grafischen oder numerischen Titeln zu versehen, als sie mit konkreten politischen Botschaften zu verknüpfen. Sein Weg, einer zunehmend unwirtlichen Welt zu begegnen, ist die bereits vor 40 Jahren begonnene Arbeit an seinem "Tri-centric thought unit", einem philosophisch in den 1700-seitigen "Tri-Axium Writings" fundierten Werkkomplex, über deren Material ausführende MusikerInnen beinahe nach dem Baukasten-Prinzip verfügen können.

Wobei das Vokabular von Musiken aus aller Welt extrahiert und einer "transidiomatischen" Übersetzung unterzogen wurde, um über eine so entworfene, gleichsam metakulturelle Syntax Kommunikation zu ermöglichen. "Ich habe überall gestohlen", so Braxton schmunzelnd. "Von den Afrikanern, den Asiaten, den Europäern und den Hispanics. Ich bin nicht interessiert an Schwarz oder Weiß. Musik hat keine Farbe. Ich bin daran interessiert, was uns in unserem Menschsein vereint!"

Aktuelle Hörbeispiele der klingenden Resultate dieses zweifellos visionären Konzepts bietet die Vier-CD-Box "4 Compositions (Ulrichsberg) 2005" (Leo Records/Extraplatte), die im Rahmen einer Braxton-Personale im austriakischen Mühlviertel aufgenommen wurde: Piano-Solo-Kompositionen (ausgeführt von Genevieve Foccroulle) stehen hier neben Proben elektronik-lastiger "Diamond Curtain Wall Music" und orchestralen Klängen des 17-köpfigen "Ulrichsberg Tri-Centric Ensemble" - Musik, die eine faszinierende, narrative Informationsfülle auszeichnet, die andrerseits in ihrer Tendenz zu abstrahierter Strenge auch modernistische Altertümlichkeit ausstrahlt.

Dass der Verbreitung seines Systems dessen intellektueller Anspruch sowie die eigene, in den USA dank Wynton Marsalis' Neokonservativismus marginalisierte Position entgegensteht ("Es ist unmöglich, schwarz zu sein und Karlheinz Stockhausen zu mögen!"), weiß Braxton selbst am besten.

"Die Musiker, mit denen ich meine Musik spielen kann, müssen mein System kennen", sagt er zur Erklärung, weshalb er nach Wien mit (ehemaligen) Studierenden - vom Range einer Jessica Pavone - angereist ist. Apropos Wien: Hier, in der Stadt Mozarts, Beethovens und der Zweiten Wiener Schule fühle sich Braxton zu Hause.

Er werde die Zeit genießen - und vielleicht wieder einmal darüber nachdenken, wie er seinen alten Plan, Schönbergs Klavierstücke op. 11 für Altsaxofon zu bearbeiten, doch noch verwirklichen könne. (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2007)

  • Anthony Braxton schmunzelnd über seine Musik: "Ich habe von allen gestohlen! Von den Afrikanern, Asiaten, Europäern und Hispanics."
    foto: standard / hendrich

    Anthony Braxton schmunzelnd über seine Musik: "Ich habe von allen gestohlen! Von den Afrikanern, Asiaten, Europäern und Hispanics."

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