Leitl will Fachleute aus dem Ausland

27. Februar 2007, 11:23
774 Postings

Österreichs Betrieben könnten in naher Zu­kunft 50.000 Fachkräfte fehlen - Diese sollen aus den neuen EU-Ländern angelockt werden

Wien – Ambitionierte Pläne verfolgen Wirtschaftskammer (WKO) und Arbeitsmarktservice (AMS) im Kampf gegen den vielbeklagten Fachkräftemangel. WKO-Präsident Christoph Leitl und AMS-Geschäftsführer Herbert Buchinger haben anlässlich des Sozialpartnergipfels am Mittwoch Eckpunkte eines Maßnahmenpakets präsentiert.

20.000 der geschätzten 50.000 Fachkräfte, die laut jüngster WKO-Umfrage unter ihren Mitgliedsfirmen in den nächsten Jahren fehlen würden, sollen über bilaterale Abkommen mit den neuen EU-Ländern sowie aus Deutschland angelockt werden. Weitere 5000 Fachkräfte, glaubt Buchinger, sollten "über mögliche Veränderungen im Pensionskorridor" in Beschäftigung gehalten werden können. Für den großen Rest gibt es Schulungen.

Diese Maßnahmen und Zahlen, die von Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaftsbund (ÖGB) umgehend als "Wunschkatalog" der Wirtschaft qualifiziert wurden, seien laut Leitl notwendig, weil der Zustrom an Arbeitskraft nach Österreich in den nächsten zehn Jahren wohl anhalten werde, es aber so schwierig wie noch nie sei, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Daraus würde sich in den nächsten zwei Jahren ein Defizit von 50.000 Fachkräften aufbauen. Helfen, dieses möglichst gering zu halten, soll zudem, dass "Facharbeitskräfte mit Migrationshintergrund aufgeschult" würden, um eine Zertifizierung ihrer ausländischen Ausbildung zu ermöglichen.

Mangelwirtschaft

"Wir laufen Gefahr, dass der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu einer Bremse für die Wirtschaft wird", sagt Buchinger. Denn im vergangenen Jahr habe man 20.000 offene Jobs wegen mangelnder Qualifikationen nicht besetzen können. "Am beunruhigendsten ist die Tatsache, dass das 25 Prozent mehr als 2005 waren."

Da in der Bau- und Metallindustrie (Maurer, Betonierer, Dreher, Schweißer, Schlosser) bereits ein Mangel an Lehrlingen bestehe, wünscht sich die Wirtschaftskammer darüber hinaus eine Verdoppelung der Lehrlingsprämie (auf 2000 Euro) in diesen von Jugendlichen wenig nachgefragten Branchen. "Die Lehrlingsprämie sollte durchaus einen Steuerungseffekt haben", meint Leitl, "denn wir brauchen ja nicht lauter Elektroniker."

Dass Leitl eilig betonte, bei allen Maßnahmen würden Österreicher bevorzugt, ehe die Beschränkungen für Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern 2011 endgültig enden, half ihm nichts. Der ÖGB rechnete prompt vor, dass 2006 durchschnittlich 82.600 Arbeitslose mit Lehrabschluss oder Meisterprüfung arbeitslos waren.

"Der Fachkräftemangel ist durchaus mit inländischen Arbeitskräften zu decken", sagte der leitende ÖGB-Sekretär Richard Leutner. Die Ausbildungsbereitschaft der heimischen Unternehmen sei zu gering, "rund 18.500 Lehrstellensuchenden standen im Jänner 2007 gerade 3000 gemeldete offene Lehrstellen gegenüber".

Ähnlich die Reaktion der Arbeiterkammer (AK): "Wenn in bestimmten Bereichen vergeblich Fachkräfte gesucht werden, kann bei über 300.000 Arbeitsuchenden im Jahresdurchschnitt die Antwort nicht darin bestehen, zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben", so AK-Sozialexperte Christoph Klein. Klein wie Leutner können auch dem Vorschlag wenig abgewinnen, über 65-Jährige mit substanziellen Zuschlägen zur Pension belohnen, wenn sie später in Pension gingen.

Dass ein Drittel der Firmen vergeblich Fachkräfte suche und gar ein Viertel mehr zahlen würde, wie Leitl versichert, bezweifelt man auf der Arbeitnehmerseite.

Positiv reagierte die AK hingegen auf AMS-Vorschläge, zielgenauer zu schulen und dabei verstärkt auch auf Angehörige der zweiten und dritten Migrantengeneration zu setzen. Dass sich Leitl eine schrittweise Öffnung der Arbeitsmärkte ab 2009 vorstellen kann ("Wir müssen uns nicht fürchten"), freut dafür die Industriellenvereinigung: Österreich laufe "mit hohem Tempo auf einen wirklichen Engpass zu", so IV-General Markus Beyrer. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2007)

  • Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Staatssekretärin Christine Marek empfingen am Mittwoch die Sozialpartner im Ministerium am Stubenring in Wien: WKO-Präsident Christoph Leitl, ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer und AK-Präsident Herbert Tumpel.
    foto: standard/regine hendrich

    Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Staatssekretärin Christine Marek empfingen am Mittwoch die Sozialpartner im Ministerium am Stubenring in Wien: WKO-Präsident Christoph Leitl, ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer und AK-Präsident Herbert Tumpel.

Share if you care.