Der Käfer-Künstler

13. Februar 2007, 19:27
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Besuch bei einem Tiermodellbauer, der aus kleinen Erdenbewohnern anatomisch korrekte Monsterabbildungen macht

Nicht Computeranimationen - die überdimensionalen Modelle der Insekten ziehen die Besucher des Naturhistorischen Museums an. Besuch bei einem Tiermodellbauer, der aus kleinen Erdenbewohnern anatomisch korrekte Monsterabbildungen macht.

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In der Mitte des Ateliers klammert sich eine Königslibellenlarve mit ihren dünnen Beinen an einen Schilfhalm. Die Larve, die eigentlich im Wasser lebt, steht kurz vor dem Schlüpfen. Ihr mächtiger Unterkiefer ist aufgeklappt, als sei sie schon auf der Jagd. Ein Bein jedoch ragt verdreht in die Luft. Hans Dappen packt das etwa 60 Zentimeter lange Plexiglasbein und zieht es aus der Gelenkpfanne. "Das habe ich wohl falsch eingesteckt", sagt er.

Dappen, studierter Grafikdesigner, baut wissenschaftlich exakte Tiermodelle. Seine Quallen, Tintenfische und Käfer stehen unter anderem im Naturhistorischen Museum Wien, anatomisch korrekt, aber überlebensgroß. Gigantische Zecken, monströse Laufkäfer, wen interessiert das noch? Lassen nicht aufwändige Computeranimationen den Modellbau wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten erscheinen - und Hans Dappen als Baumeister einer antiquierten Zunft?

Doch Bernd Lötsch, Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien, rühmt Dappen, vergleicht ihn sogar mit Meistern der Renaissance wie Albrecht Dürer oder Gentile Bellini. Auch sie hätten ihr ganzes Können der technisch perfekten Abbildung der Natur gewidmet. Lötsch glaubt nicht, dass virtuelle Modelle die Arbeit des Käfer-Künstlers ersetzen könnten. Audiovisuelle Medien hätten ihren Reiz verloren.

Von den Modellbauten würden die Besucher hingegen magisch angezogen. "Gegen einen Raum voller Modellbauten würde ich jede Computeranimation eintauschen", sagt er. Doch nur wenige Modellbauer beschäftigen sich auf wissenschaftlichem Niveau mit der Flora und Fauna. "Ich kenne nur etwa drei gute Künstler in diesem Bereich", sagt Lötsch.

Gliedmaßen fixieren

Dappen fixiert die Gliedmaßen der Libellenlarve mit Klebeband und rührt eine Paste aus Kunstharz an, um die Beine in den Gelenken zu befestigen. Der Insektenkörper besteht aus eingefärbtem Polyurethan, das anschließend mit Sprühtechniken bemalt wurde. Überall im Raum liegen Skizzen und Arbeitsproben für zukünftige Modelle. Bis zum Ende 2007 ist der Modellbauer ausgebucht.

Als Dappen, Jahrgang 1953, vor 13 Jahren mit dem Modellbau begann, hätte er sich eine solche Nachfrage nicht träumen lassen. Damals war der studierte Grafikdesigner Artdirector in einer Düsseldorfer Werbeagentur. Schon mit 40 fühlte er sich langsam zu alt für die aufreibende Branche. Also folgte er seinem Hang zum Dreidimensionalen, zum haptischen Erleben. Schon immer hatte er in seiner Freizeit eine Fabelwelt unterschiedlichster Skulpturen und Plastiken erschaffen, in der Werbeagentur Miniaturmodelle von Messeständen gestaltet. Nun setzt er auf den Reiz der Vergrößerung. "Insekten sind einfach wunderschön", sagt er, "und Vergrößerung ist der ideale Weg, das zu zeigen." Sein Lieblingsfilm Formicula aus dem Jahre 1954 ist ein Schocker, in dem durch Atomtests zu Riesen mutierte Treiberameisen Jagd auf winzige Menschen machen.

Sein erstes wissenschaftliches Modell entwickelte er nach Feierabend: einen Hirschkäfer, 1,2 Meter groß. Er machte Fotos, schickte sie an Museen. Der Käfer war sofort verkauft. Da wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit. "Anfangs war das alles noch eine große Bastelei", sagt er, "aber ich hatte immer den Ehrgeiz, es besser zu machen, neue Materialien auszuprobieren, neue Techniken." Der Reiz am wissenschaftlichen Modellbau sei, "der Natur immer näher zu kommen". Inzwischen hat der Autodidakt über fünfzig Werke geschaffen - und dabei bewährte Methoden entwickelt: Zuerst studiert Dappen die Originale in Konservierungsflüssigkeit oder als Präparat. Er betrachtet Fotos, löchert Wissenschafter mit Fragen.

Dann beginnt der Bau. Die Rohversion jedes Modells besteht aus einem Block aus festem Styropor. Hieraus schnitzt er ein Positiv des Tieres, das er mit Kunstharz überzieht. Das lässt sich gut modellieren, fräsen und feilen, auch feinere Strukturen auf dem Insektenkörper werden sichtbar. Das detaillierte Modell wird dann mit Silikon bestrichen, eine Abgussform entsteht. Hier hinein wird endlich der Kunststoff gegossen; das Grundmodell ist fertig, die Ausgestaltung kann beginnen. Insgesamt braucht er dafür zwei bis vier Monate. Neben der jungen Königslibelle steigt inzwischen Rauch auf.

Das Harzgemisch, mit dem Dappen einen Teil der Beine am Thorax des Tieres befestigt hat, ist heiß geworden und steht kurz davor, in Flammen aufzugehen. Dappen stellt es zum Abkühlen nach draußen. Hier, auf seinem Grundstück, beginnt sein Insektenparadies. "Ich lasse das Gelände absichtlich verwildern«, sagt er, "lasse Holz verrotten, Unkraut wuchern." So schafft er heimischen Insekten einen Rückzugsort - und sich selbst eine entomologische Fundgrube für die Insektenjagd. "Mit der Kamera, versteht sich."

Sein persönliches Lieblingstier gehört jedoch einer ganz anderen Spezies an. Dappen zeigt auf eine durchsichtige Acrylkugel mit filigranem Lochmuster, die neben Sägen und Bohrern auf einer Ablage liegt: das Modell des Kieselsäure-Skeletts einer Radiolarie, eines winzigen Einzellers, der in unseren Meeren schwebt.

Er hat schon mehrere Radiolarien gebaut, meist für das Naturhistorische Museum in Wien, das auch die Larve der Königslibelle in Auftrag gab. "Radiolarien sind einfach so schön", seufzt er, "die könnte ich immer wieder bauen." Entdeckt hat er die durchscheinenden Wesen in Ernst Haeckels Bildband Kunstformen der Natur von 1904. Das Werk des Zoologen und Philosophen habe damals eine ganze Epoche fasziniert, erklärt er, und dem wissenschaftlichen Modellbau zu einer Blütezeit verholfen. Die Begeisterung der Epoche für die Ästhetik des Organischen spiegle sich sogar in der Architektur wider, ist Dappen überzeugt: "Haben Sie sich mal die Rosetten in Jugendstilhäusern angeschaut? Die sind Quallen von unten."

Zu hohe Kosten

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Goldene Zeitalter der Modellbauer zu Ende, vor allem auch deshalb, weil sich die Museen deren Arbeit nicht mehr leisten konnten. Auch heute noch sind die Werke nur für große Häuser erschwinglich. Mit Preisen zwischen 7000 und 20000 Euro liegen sie jenseits der finanziellen Möglichkeiten normaler Museumsbudgets.

Welches Modell würde er selbst am liebsten bauen? Ein schelmisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht. "Eine Spinne", sagt er. In einer dunklen Ecke des Museums würde er sie aufhängen. "Und wenn sich die ahnungslosen Besucher nähern, gerät die Spinne dank eines Sensors in Bewegung. Stellen Sie sich den Schreck einmal vor!" (Tanja Krämer/DER STANDARD, Printausgabe, 14. Februar 2007)

  • Hans Dappen, Tiermodellbauer, bei seiner Leidenschaft, die er auch zum Beruf machte. Der große Reiz am Modellbau? "Der Natur immer näher kommen," antwortet der Insektenfreund.
    foto: der standard/krämer

    Hans Dappen, Tiermodellbauer, bei seiner Leidenschaft, die er auch zum Beruf machte. Der große Reiz am Modellbau? "Der Natur immer näher kommen," antwortet der Insektenfreund.

  • Eine Radiolarie, nachgebaut vom Tiermodellbauer.
    foto: der standard/krämer

    Eine Radiolarie, nachgebaut vom Tiermodellbauer.

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