Versehrte und Verdächtige

13. Februar 2007, 19:18
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Neues von André Téchiné und Paul Schrader: Les témoins (Die Zeugen) mit Emmanuelle Béart und "The Walker" mit Woody Harrelson

Berlin - Es ist Festivalhalbzeit. Täglich überlagern neue Filme den Eindruck anderer. Was sich dauerhaft einprägt, sind manchmal nur einzelne Bilder, Farben: Die blinkenden Neonlicht-Zehennägel der Heldin von Park Chan-wooks I’m A Cyborg, But That’s OK, die roten Plastikstühle in Hiner Saleems kurdischem Drama Dol, die sich markant von einer unwirtlichen Felslandschaft abheben. Oder das leuchtend gelbe Sommerkleid, das Emmanuelle Béart in Les témoins (Die Zeugen) von André Téchiné trägt.

Der französische Regisseur, der demnächst 64 wird, begibt sich mit seinem jüngsten Film zurück ins Paris der Mitt-Achtzigerjahre. Im Fernsehen laufen Videoclips von Les Rita Mitsouko, aber auch Nachrichtenmeldungen über eine neue Krankheit, die sich beunruhigend schnell verbreitet. Für die Figuren ist das zunächst Begleitmusik, ein mediales Rauschen. Bis eine von ihnen deutliche Symptome zeigt und schließlich an den Folgen der Immunschwäche stirbt. Téchiné ist allerdings weit davon entfernt, ein herkömmliches Aids-Drama zu erzählen. Im Vordergrund stehen die Personen, ihre Beziehungen zueinander, ihre Arbeit: die Autorin Sarah (Béart), die mit ihrem neuen Roman ringt und sich nicht in ihre Mutterrolle finden kann. Ihr Mann Mehdi (Sami Bouajila), ein Kriminalbeamter, der sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem jungen Manu (Johan Libéreau) einlässt. Der Arzt Adrien (Michel Blanc), der diesen auf einer nächtlichen Cruising-Tour zuvor kennen lernte, und Manus Schwester Julie (Julie Depardieu), die gerade ihr erstes Engagement an der Oper antritt.

Mit dem konkreten Einbruch der Krankheit beginnt sich dieses Beziehungsgefüge dramatisch zu verändern, aber Les témoins ist trotz allem ein optimistischer Film – endlich einer, der den diesjährigen Wettbewerb auf eine neue Ebene hebt. Denn selbst an den notorischen Kritikerrankings ist ablesbar: Klare Favoriten, herausragende Entdeckungen sind bisher nur bedingt erkennbar. Zehn Filme sind im Wettbewerb noch ausständig, bevor am Samstag die Preise vergeben werden.

Jury-Präsident Paul Schrader, der mit darüber zu befinden haben wird, stellte selbst außer Konkurrenz The Walker vor. Darin hat er jene Geschichte, die er in American Gigolo erzählt hat, noch einmal adaptiert: Woody Harrelson spielt den Titel gebenden Begleiter wohlhabender Damen. Allerdings erfüllt der schwule Carter Parker III den Vertreterinnen der Washingtoner Oberschicht keine sexuellen Wünsche, vielmehr stillt er ihr Bedürfnis nach Gossip oder geistreicher Konversation. Als er in einen Mordfall verwickelt wird, erweisen sich diese Zweckbeziehungen als wenig tragfähig. The Walker hat ein illustres Ensemble (Kristin Scott Thomas, Lauren Bacall), pointierte Dialoge, eine geschmeidig gleitende Kamera – trotzdem reicht er an die eindringlichen Qualitäten seines Vorgängers nicht heran. (Isabella Reicher aus Berlin/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2007)

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    Stargast der Berlinale: Emmanuelle Béart präsentiert André Téchinés Film "Les témoins". (Filmausschnitt siehe unten)

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    foto: berlinale
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