Wer schützt uns vor den Datenschützern?

28. März 2007, 15:00
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Eine Polemik zur gegenwärtigen Debatte um Sinn und Unsinn der so genannten Bildungsdokumentation - Von Hans Pechar

"Vom Verfolgungswahn befallene Obskuranten machen aus dem Datenschutz ein Instrument der Gegenaufklärung."

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Jede bildungspolitische Debatte zeigt auf Neue, wie dünn der Boden ist, auf dem hier rationale Argumente ausgetauscht werden. Dabei spielt der Mangel an aussagekräftigen Bildungsdaten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wo es am empirischen Fundament mangelt, haben die Widerkäuer von Stehsätzen leichtes Spiel. Eine sinnvolle Initiative Elisabeth Gehrers - ja, auch das gibt es - könnte daran etwas ändern.

Die von der früheren Bildungsministerin etablierte Bildungsdokumentation bewirkt einen Quantensprung in der Qualität der Daten. Erstmals wird es möglich, den Bildungsverlauf von Personen über längere Zeiträume zu verfolgen und einen Zusammenhang sowohl mit ihrer späteren beruflichen Karriere wie mit dem Bildungsstand ihrer Eltern herzustellen. Privatpersonen und Unternehmen haben keinen Zugriff auf diese Daten, und auch Behörden haben dies nur im Rahmen ihrer gesetzlichen Aufgaben. Dorn im Auge

Doch einigen Datenschützern ist dieser Gewinn an Transparenz ein Dorn im Auge. Frustriert von ihrer Ohnmacht gegenüber den realen Bedrohungen des digitalen Zeitalters konstruieren sie einen Pappkameraden, dem sie sich gewachsen fühlen. In der Bildungsdokumentation glauben sie, eine besonders heimtückische Gefährdung der Privatsphäre enttarnt zu haben.

Seit längerem schon verunsichern sie Eltern und Lehrer und stiften sie dazu an, die - gesetzlich verpflichtende - Weitergabe dieser Daten zu verweigern. Als heroischen Akt zivilen Ungehorsams! Nun haben sie Schützenhilfe von der SPÖ und den Grünen erhalten. Der grüne Bildungssprecher, der bei nächster Gelegenheit wieder Krokodilstränen über die fehlenden Analysen zur sozialen Selektion in der Bildung vergießen wird, fabuliert wirres Zeug von einer "Bildungsbuchhaltung" und dem "gläsernen Schüler". Und natürlich vom "Big Brother", der in diesem Zusammenhang nie fehlen darf.

Die SPÖ will mit billigem Aktionismus vergessen machen, dass mit dem Wechsel von der Oppositions- zur Regierungspartei alle anspruchsvollen Bildungsvorhaben - vom verpflichtenden Vorschuljahr bis zur Gesamtschule - verloren gegangen sind.

Was versetzt denn die Datenschützer in Alarmstimmung? Welchen Übergriffen des Überwachungsstaates sind sie auf der Spur? Die Bildungsdokumentation enthält so aufregende Intimitäten wie: sonderpädagogischen Förderbedarf, die Zahl der Klassenwiederholungen und Nachprüfungen, die Teilnahme an Schulskikursen oder am Ethikunterricht. Viele werden an dieser Stelle ein Gähnen unterdrücken müssen. Der grüne Bildungssprecher hingegen ist in heller Aufregung und ortet ein enormes Interesse der Unternehmen an diesen Daten. Angenommen, er hätte recht: Mit legalen Mitteln haben sie keinen Zugriff darauf. Aber in der paranoiden Phantasie der Datenschützer formiert sich ein neuer Zweig der organisierten Kriminalität, der die Konzerne mit Einzelheiten über die Schullaufbahn ihrer Mitarbeiter versorgt.

Finstere Mächte?

Was die Unternehmen wirklich interessiert, müssen sie sich nicht illegal beschaffen, denn Abschlusszertifikate sind selbstverständlicher Bestandteil jeder Bewerbung. Aber selbst die dienen nur als Entscheidungshilfe, solange die Unternehmen keine konkreten Erfahrungen mit dem Leistungs- und Sozialverhalten ihrer Mitarbeiter gesammelt haben. Nach einiger Zeit büßen selbst die wichtigsten Schulinformationen ihre Bedeutung für den weiteren Karriereverlauf weitgehend ein.

Welche finsteren Mächte werden illegale Handlungen setzen, um zu erfahren, ob Lieschen Müller vor 30 Jahren die 6. Schulstufe mit Auszeichnung abgeschlossen hat oder wiederholen musste? Wichtig sind diese Daten hingegen für die Bildungspolitik und eine empirisch orientierte Bildungsforschung. Sie brauchen personenbezogene Daten, um Bildungsverläufe rekonstruieren zu können, nicht um konkrete Individuen auszuforschen.

Die in der Bildungsdokumentation gesammelten Daten sind nicht nur gesetzlich gut geschützt, auch die hypothetischen Missbrauchsmöglichkeiten sind von einer ans Herz greifenden Harmlosigkeit.

Man vergleiche das mit der Brisanz der Datenspuren, die wir täglich im Internet hinterlassen. Oder mit den Möglichkeiten privater Firmen, aus den Daten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs Käuferprofile zu erstellen.

Viele Ehen gingen in Brüche, würden die personenbezogenen Daten der Mobilbetreiber in die falschen Hände geraten. Und natürlich gibt es auch im behördlichen Bereich zahllose Daten, die vor unbefugtem Zugriff zu schützten sind. Die Aufforderung an die Finanzämter oder Sozialversicherungen, nicht länger das Einkommen der Bürger zu speichern, würde freilich homerisches Gelächter auslösen. Also hauen die Datenschützer auf die Bildungsdokumentation hin, weil sie sich hier wenig Gegenwehr, aber viel Unterstützung von nützlichen Idioten erwarten.

Die neue Bildungsministerin hat ganz recht: es gilt abzuwägen zwischen dem Schutz der Intimsphäre und dem öffentlichen Interesse an guten Bildungsdaten. Im konkreten Fall wäre aber noch zwischen den Schutzbedürfnissen jedes Einzelnen und den Profilierungsinteressen einer der Realität entrückten Lobby zu unterscheiden. Vom Verfolgungswahn befallene Obskuranten machen aus dem Datenschutz ein Instrument der Gegenaufklärung. (Hans Pechar/DER STANDARD Printausgabe, 14. Februar 2007)

Der Autor leitet das Institut für "Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung" an der Universität Klagenfurt.
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