Schulvision gegen Fakten

11. September 2007, 10:17
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Ob die Schule ein Ort der Freude ist oder nicht, konnten die Jungpolitiker bei der Standard-Debatte nicht beantworten

Klar, aber verschieden fielen die Forderungen an die neue Bildungsministerin aus.

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Wien - "Fehlende Motivation ist nicht die Schuld der Schüler alleine", meinte Markus Benesch, Jugendreferent der ÖVP Wien. Beim Roundtable in den Räumlichkeiten des Standard diskutierte er mit Astrid Rompolt, Vertreterin der Jungen Generation der SPÖ, und dem Bundesschulsprecher Matthias Hansy von der Schülerunion über die Anforderungen an die neue Bildungsministerin und anstehende Reformen.

"Schule als fast magischer Ort, ein Ort der Freude, der Entwicklung und Kreativität" - mit dieser Aussage der Bildungsministerin Claudia Schmied konfrontiert, äußerten sich die Anwesenden durchaus kritisch.

"Visionen" seien zwar erwünscht, jedoch sei davon im Koalitionsprogramm noch nichts zu merken, meinte Rompolt und bezeichnete das Abkommen als "Kompromisspapier". Laut Benesch sollte sich die Ministerin persönlich dafür einsetzen, die Freude am Lernen zu steigern. Auch beim Thema der Klassenschülerhöchstzahl sahen alle Anwesenden noch genügend Handlungsbedarf für die Ministerin. Die Senkung auf 25 Schüler pro Klasse forderte Hansy auch für die Oberstufe - hier wünschte er sich eine schnelle Änderung der Situation.

Die Durchführung dieser Maßnahmen liege dabei jedoch größtenteils "in den Händen der Länder", relativierte Benesch. Vor allem in urbanen Bereichen würden vorhandene Vorschriften für die Unterstufe nicht eingehalten, was zu merklichen Leistungseinbrüchen führe.

Teure Nachhilfe

Das Resultat dieser Missstände seien Ausgaben von "124 Millionen Euro pro Jahr für Nachhilfe", kritisierte Rompolt. Besonders in den Hauptschulen sei dies als Geldproblem spürbar. "Gerade Immigrantenkinder finden sich oft in der zweiten oder dritten Leistungsgruppe wieder, wogegen Kinder mit österreichischen Eltern eher in der ersten anzutreffen sind", sagte Rompolt.

Der Bundesschulsprecher wollte diese Tatsache nicht als soziale Selektion bezeichnen und verwies auf die Forderung der VP-nahen Schülerunion: "Vielfalt statt Einheitsbrei".

Das bisherige Bildungssystem bezeichnete Benesch als "nicht so schlecht", da bis zu "50 Prozent der Hauptschüler die Matura machen". Er meinte jedoch, dass viele Schüler "von den Eltern in die AHS gedrängt" werden würden.

Die Ganztagsschule wurde zum nächsten Teil des Schlagabtausches. Der Wille zu diesem Modell sei laut Benesch vorhanden, jedoch gingen die Meinungen in der Umsetzung weit auseinander. Der Bundesschulsprecher stand der "Zwangsverpflichtung, den ganzen Tag in der Schule verbringen zu müssen", sehr skeptisch gegenüber. "Keine Verpflichtung, sondern ein Recht auf Betreuung" wollte Rompolt hier sehen und verwies auf die pädagogisch sinnvolle Verwirklichung.

Sozialere Kriterien

Zur Debatte standen zudem die von Bildungsministerin Schmied angestrebte Leistungsbeurteilung. So sollen künftig "auch Motivation, Freude am Lernen und Leidenschaft" beurteilt werden. Benesch brachte seine Vorstellung der Realität vieler Schüler auf den Punkt: "Nur die Leistung nicht aus den Augen verlieren." (Felix Aicher, Maria Löschnauer/DER STANDARD, Printausgabe 13.Februar 2007)

  • Bundesschulsprecher Matthias Hansy (Schülerunion), Astrid Rompolt (Junge Generation, SPÖ), Markus Benesch (ÖVP Wien): "Zwangsverpflichtung und magische Orte".
    foto: standard/cvitic

    Bundesschulsprecher Matthias Hansy (Schülerunion), Astrid Rompolt (Junge Generation, SPÖ), Markus Benesch (ÖVP Wien): "Zwangsverpflichtung und magische Orte".

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