Das Dilemma der Sozialarbeiter

15. März 2007, 15:18
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Unangemeldete Besuche liefern bessere Einblicke in häusliche Probleme, schaden aber dem Verhältnis zwischen Familien und Betreuern

Der Fall der drei oberösterreichischen Mädchen, die offenbar jahrelang von ihrer Mutter von der Außenwelt abgeschirmt worden sind, bringt das Dilemma der Sozialarbeiter ans Licht. Unangemeldete Besuche liefern zwar bessere Einblicke in häusliche Probleme, schaden aber dem Verhältnis zwischen Familien und Betreuern.

Aufgabe der Jugendwohlfahrt sei es, das Kindeswohl zu schützen, erklärte Peter Binder vom Büro des oberösterreichischen Soziallandesrates Josef Ackerl im APA-Gespräch. Ist dieses gefährdet, sei "Gefahr im Verzug". Dann könne der Sozialarbeiter sofort einschreiten und müsse sich im Nachhinein vom Pflegschaftsgericht sein Handeln absegnen lassen. Im Notfall könne er auch die Polizei verständigen. Allerdings ziehen es viele Sozialarbeiter im Zweifelsfall vor, sich vor einem Besuch anzumelden, um kein Misstrauen aufkommen zu lassen und ein gutes Verhältnis zur Familie aufzubauen bzw. zu erhalten.

Es gebe auch zahlreiche Fälle von Kindesabnahmen, bei denen die Sozialarbeiter nachher " die Bösen" gewesen seien, gab Binder zu bedenken. Für die Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt kann ihr Handeln auch Konsequenzen haben: Wenn sich jemand von einem Sozialarbeiter schikaniert fühlt, kann er das bei der Bezirkshauptmannschaft oder bei der Landesjugendwohlfahrt melden und eine fachliche Aufsicht verlangen. Stellen sich die Vorwürfe gegen den Sozialarbeiter als gerechtfertigt heraus, habe das unter Umständen ein Disziplinarverfahren oder eine Anzeige wegen Amtsmissbrauchs zur Folge, lieferte Binder eine mögliche Erklärung für die Scheu vor dem harten Durchgreifen.

Allerdings werde es als Konsequenz aus dem Fall künftig wohl mehr unangemeldete Besuche geben, so Binder weiter. "Die Jugendwohlfahrt muss früher einschreiten." Auch das Zusammenspiel der Behörden soll sich verbessern. Im aktuellen Fall habe das Gericht das "gelindere Mittel" angeordnet. Da die Mutter immer glaubwürdig Kooperationsbereitschaft signalisiert habe, seien die Kinder so lange bei ihr geblieben. Wäre das Pflegschaftsgericht nicht mit der Sache befasst gewesen, wäre die Jugendwohlfahrt wahrscheinlich früher eingeschritten, so Binder. So wollte man nicht gegen den "verlässlichen Partner" Gericht arbeiten.

In Oberösterreich werden pro Jahr 5.000 Eingabefälle bearbeitet. Im Vorjahr habe die Jugendwohlfahrt bei 2.882 Kindern Erziehungsmaßnahmen angeboten, bei 1.700 habe man die "volle Erziehung" - etwa in einem Heim - übernommen. (APA)

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