Fehlerkette in die Verwahrlosung

15. März 2007, 15:18
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Keine Versäumnisse sieht lediglich der Landesschulratspräsident bei der Schulbehörde

Die Staatsanwaltschaft hat Vorerhebungen gegen die mit dem Fall der drei verwahrlosten Kinder betrauten Behörden eingeleitet. Verantwortliche gestehen jetzt erstmals Fehler ein - mit Ausnahme der Schulbehörde.

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Linz - Nun also doch: Tagelang hatte es im Fall der verwahrlosten Mädchen vom Pöstlingberg so ausgesehen, als müsste nur die psychisch schwer kranke Mutter auf der Anklagebank am Landesgericht Klagenfurt Platz nehmen, jetzt sind auch die zuständigen Behörden ins Visier der Justiz geraten. Konkret hat die Staatsanwaltschaft Linz Vorerhebungen vorerst gegen unbekannte Täter eingeleitet. "Wir ermitteln nicht gegen bestimmte Personen, sondern prüfen das Verhalten der involvierten Behörden", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Linz auf Standard-Anfrage.

"Fehler"

Generell scheint man drei Tage nach dem Bekanntwerden der Familientragödie im Linzer Nobelviertel von offizieller Seite, wenn auch zaghaft, bereit zu sein, dass Wort "Fehler" in den Mund zu nehmen. Oberösterreichs Soziallandesrat Josef Ackerl (SPÖ) merkte Montagabend bei einem "Runden Tisch" im ORF an, dass die Schulbehörde "mit Sicherheit einen Erklärungsbedarf hat". Doch auch an der zuständigen Bezirkshauptmannschaft übte Ackerl Kritik. "Dort hat man sicher zu lange Geduld gehabt und zugesehen, obwohl das Kindeswohl gefährdet war", so Ackerl, der weitere Veränderungen bei der oberösterreichischen Jugendwohlfahrt für "notwendig" hält. Und auch ÖVP-Landeshauptmann Josef Pühringer kritisierte am Dienstag erstmals die zuständigen Behörden. "Auf Indizien der Schulabsenz, Krankheit und versperrtes Haus ist zu langsam und zu spät reagiert worden."

"Es ist alles Erforderliche getan worden"

Keine Versäumnisse sieht lediglich der Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer bei der Schulbehörde: "Es ist alles Erforderliche getan worden". Vorwürfe von Waltraud Kubelka, der Therapeutin der Kinder, diese seien nicht unterrichtet worden, entgegnete Enzenhofer mit Sendenachweisen. So seien am 28. Februar 2006 an den Therapiehof Weidenhof die Schülerbeschreibungsbögen der drei Mädchen geschickt worden. Daraus gehe auch hervor, dass nur die älteste Tochter vom 14. Dezember 2000 bis Ende des Schuljahres 2001 (da endete die Schulpflicht) häuslichen Unterricht hatte. Unterrichtsministerin Claudia Schmied will ebenfalls die "genaue Darstellung" anfordern.

Gelobt wurde die Schulbehörde überraschend am Dienstag von der Sachwalterin Margreth Tews . "Die Schule kann nichts dafür, die hat alles getan". Noch am Sonntag hatte sie zu einem Rundumschlag gegen die Behörden angesetzt. Jetzt präzisierte sie. Ihr Vorwurf, Behörden haben tatenlos zugesehen, richte sich an die Jugendwohlfahrt.

"Müllproblem"

Justizministerin Maria Berger (SPÖ) zeigte sich "schockiert", dass die Causa erst durch ein "Müllproblem" ans Tageslicht gelangt sei. "Jedes beteiligte Amt trägt Verantwortung mit." Selbst der Bezirkshauptmann von Urfahr-Umgebung, Helmut Ilk, räumt mittlerweile Fehler ein. "Es hat eine Verkettung von Fehlern gegeben - quer durch alle Beteiligten". (Markus Rohrhofer, Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe 14.2.2007)

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    Landesschulrats-Präsident Fritz Enzenhofer: "Lückenlos dokumentiert"

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