Die zehn Thesen zum Nachlesen

7. März 2007, 14:31
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Globalisierung und Wettbewerbsfähigkeit einer nationalen Volkswirtschaft: Zehn Thesen

1. Globalisierung bedeutet die Erweiterung des Horizontes- von lokal zu global. Dies gilt für Produktion, Investition, aber auch für Arbeitsplätze, Ideen, das Lernen von anderen Kulturen. Ökonomisch steigert sie Wohlfahrt, erhöht die Wahlmöglichkeiten, senkt die Preise. Ein Fünftel der Wohlfahrtssteigerung Europas in den letzten 50 Jahren ist durch niedrigere Preise z.B. von Textilien, Spielzeug, Computerteilen entstanden.

2. Globalisierung erhöht den Veränderungsdruck, "beschleunigt" notwendige Veränderungen. Wenn es in Regionen Probleme gibt, werden sie verstärkt. Schwächen im Ausbildungssystem, Arbeitslosigkeit, fehlende Innovationskraft werden bloßgelegt, Fehler im Sozialnetz aufgezeigt, mangelnde Priorität für Umwelt rächt sich. Globalisierung ist nicht die Ursache der Probleme, sie deckt Fehler in Wirtschaft und Gesellschaft schneller auf.

3. Ihre Vorteile sind größer als die Nachteile, doch nicht immer und nicht für jeden und jede. Heute sieht man die Nachteile am deutlichsten an der Stagnation Afrikas, die Vorteile am hellsten an der Dynamik, Chinas, Indiens. Die absolute Armut sinkt, aber in vielen Ländern steigen die Unterschiede zwischen Stadt und Land, soziale Unterschiede, Umweltzerstörung und Kinderarbeit skandalös. Einkommensunterschiede innerhalb von Ländern, Raubbau, falsche Spezialisierung werden durch fremdbestimmte Globalisierung und ohne begleitende Wirtschaftspolitik verschärft.

4. Globalisierung bringt Vorteile für flexible Personen, Wirtschaften, Produktionsfaktoren (Realinvestitionen, Finanzkapital). Sie bringt Nachteile für ortsgebundene Faktoren, schlechtausgebildete Gruppen, oft auch für periphere Regionen. Nachteile sind immer geballt und laut, Vorteile sind breit gestreut und leise, sie werden auf die persönliche Tüchtigkeit zurückgeführt. Auch wenn die Vorteile in der Regel größer sind als die Nachteile, so sind die Vorteile ungleich verteilt und sie werden der eigenen Tüchtigkeit zugeschrieben. Nachteile sind laut, geballt und das Fremdverschulden wird betont.

5. Globalisierung erhöht den Bedarf an Wirtschaftspolitik, Bildung und Infrastruktur, die Bereitschaft zu Veränderung muß erhöht werden. Gruppen, für die die Umstellung nicht mehr zumutbar ist , müssen entschädigt werden. Internationale Organisationen, die Globalisierung und Liberalisierung fordern, aber den steigenden Politikbedarf - sowohl in den Reichen Ländern wie auch der Armen- nicht betonen, handeln fahrlässig.

6. Europa ist kein Globalisierungsverlierer, wie sich an Handels und Dienstleistungsbilanz zeigt. Dass Europa trotz den einmaligen Booms der Weltwirtschaft (+ 5 Prozent ) nur mit 2 Prozent wächst, ist Folge interner Probleme: unzureichender Innovation, Ausbildung und Infrastruktur, zu geringer Wachstumsorientierung der Geld und Fiskalpolitik. Zu den internen Fehlern Europas zählt auch der Verzicht auf eine bewußte technologische Vorreiterschaft in Energie und Umweltpolitik. Europa könnte die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig verbessern, wenn morgen andere Länder Umwelt- und Energieverschwendung lösen müssen.

7. Das Europäische sozioökonomische Modell ist das fortschrittlichste der Welt. Es verbindet soziale und ökologische Standards mit hoher Effizienz zu einer Marktwirtschaft mit drei Attributen. Die Globalisierung unterstützt die Effizienzkomponente quasi automatisch. Die ökologischen Standards und das Sozialsystem müssen selbstbewusst und proaktiv weiterentwickelt werden. Energieeinsparung und erneuerbare Rohstoffe müssen Priorität erhalten. Heute wird folgsam jede erdenklichen Energiemenge bereitgestellt.

8. Österreich ist ein Gewinner der Globalisierung. Die Preise sinken durch "weite Globalisierung", die Wettbewerbskraft und die Exporte steigen durch die "nahe Globalisierung" (Osteuropa plus Nachbargürtel). Das Handelsbilanzdefizit Österreichs ist eliminiert, Exporte in die USA boomen, Österreich liegt inmitten eines Wirtschaftsraumes, der dynamischer ist als die USA.

9.Globalisierung ohne wirtschaftspolitische Begleitung ist unklug und unverantwortlich. Sie verlangt einen Reform der Ausbildung, Innovationen, intelligente Infrastruktur, eine wirtschaftlich abgesicherte Vorreiterpolitik in Ökologie und Energiepolitik, eine Neudefinition der Chancen des ländlichen Raumes. Vorausblickende Wirtschaftspolitik enthält ein Element der Hilfe- global und in der Nachbarschaft- da die Vorteile der Globalisierung für reichere Länder größer sind.

10. Auch Globalisierung im Bereich der Agrarprodukte bringt überwiegend gesamtwirtschaftliche Vorteile, wie im Industriebereich. Massive Staatseingriffe, Unterschiede in den natürlichen Voraussetzungen und die berechtigte Wünsche der Konsumenten machen die Problemlage schwieriger. Vor- und Nachteile sind sehr unterschiedlich verteilt sein, oft gewinnen erfolgreiche Entwicklungsländer und es verlieren die Ärmsten. Die Trends können für eine Generation durch Sonderfaktoren überlagert werden. Transfers sind nötig, national wie international. Aber Transfers die nicht verändern, sondern bewahren sind wohlfahrtsmindernd. Reformierte internationalen Organisationen, die auch wirtschaftspolitische Begleitung einfordern können das anspruchsvolles sozioökonomisches Modell Europas international durchsetzen: eine Marktwirtschaft mit den drei Eigenschaften effizient, sozial und ökologisch. Eine Agrarwirtschaft die die Umwelt belastet, statt sie zu erhalten, ist nicht finanzierbar und soll nicht finanziert werden. Wenn sie ökologische und soziale Strukturen verbessern, werden Transfers verfügbar sein. Karl Aiginger (WIFO)/Ökosoziales Forum/12.02.07

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