"Gewusst, dass es sich zuspitzen wird"

15. März 2007, 15:18
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Land verteidigt Jugendwohlfahrt: "Keine menschlichen Unzulänglichkeiten"

Der Jugendwohlfahrt sei keine Fahrlässigkeit vorzuwerfen. "Es gibt definitiv keine menschlichen Unzulänglichkeiten", versichert Peter Binder, Sprecher des zuständigen Landesrates Josef Ackerl (SPÖ). Seit 2001 betreute die Jugendwohlfahrt der Bezirkshauptmannschaft Linz-Urfahr jene Mutter, die jahrelang ihre Kinder mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschirmte. Erst im Oktober 2005 wurden die inzwischen schwer traumatisierten Kinder aus dem vollkommen verwahrlosten Elternhaus "befreit". Laut dem Büro Ackerl habe es zwischen 2001 und 2005 "mehrere Kontakte" durch Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt gegeben. Dabei habe sich die Mutter meist kooperationsbereit gezeigt. Erst beim Hausbesuch im April 2005 - den Sozialarbeitern wurde der Zutritt ins Haus verwehrt - sei "eine deutlichere Verschlechterung" und eine "Vermüllung des Gartens" erkennbar gewesen.

"Perfekte Scheinwelt" Der seit 2001 mit dem Fall betraute Linzer Jugendpsychiater Werner Gerstl berichtet im Standard-Gespräch. "Hausbesuche waren niemals möglich, da die Mutter keinen in das Haus gelassen hat." Im Jahr 2005 hätte ein Veterinärmediziner, der die "Haltung des Familienhundes prüfen wollte", auf die "hochgradige Vermüllung" im Hausinneren aufmerksam gemacht. Nach außen hätte die Mutter aber "eine fast perfekte Scheinwelt" aufgebaut.

"Bei den Untersuchungen waren die Kinder in einem guten gesundheitlichen Zustand, und auch die Mutter war immer einsichtig", so Gerstl. Aber man habe "auch immer gewusst", dass sich die Situation zuspitzen und "der Punkt einer Trennung von der Mutter" unausweichlich sei. Anfang 2005 seien die Mädchen dann für drei Monate stationär auf der Jugendpsychiatrie am Linzer Kinderkrankenhaus behandelt worden, schildert der Mediziner.

Extreme Schulangst

Das Zuspitzen der Situation bemerkte auch die Schule erst ab dem Jahr 2005. Die Lehrer registrierten auffallend viele Fehlstunden bei der jüngsten Tochter. Das mittlere Mädchen habe eine Sondergenehmigung erhalten, dass sie "teils in der Schule, teils zu Hause lernen kann", heißt es beim Landesschulrat. Der Jugendpsychiater habe dem Mädchen extreme Schulangst attestiert. Einen Heimunterricht habe es entgegen früheren Darstellungen nicht gegeben. Weiter unklar bleibt die Rolle des Vaters der drei Mädchen. Der angesehene Linzer Richter verweigerte auf Standard-Anfrage am Dienstag jeglichen Kommentar. Laut dem Büro von Soziallandesrat Josef Ackerl habe der Jurist aber nie einen Antrag auf alleinige Obsorge gestellt, sondern lediglich einmal im Jahr 2003 eine Änderung des Besuchsrechtes beantragt. (mro, ker/DER STANDARD-Printausgabe, 13.02.2007)

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