"Die Zeit der billigen Lebensmittel ist vorbei"

7. März 2007, 14:31
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Mit Energieproduktion aus nachwachsenden Rohstoffen steht der Landwirtschaft eine weitere Globalisierung bevor

Wien – Knoblauch aus China und Weintrauben aus Chile in österreichischen Supermärkten: Dies waren bisher augenfällige Zeichen einer globalisierten Landwirtschaft. Ist dies aufgrund hoher Transport(energie)kosten schon fragwürdig genug, hat sich die Agrarpolitik künftig einem noch viel größeren Problemfeld zu widmen: der Konkurrenz Lebensmittel versus Energie. "Schätzungen zufolge wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf neun Milliarden anwachsen", erklärte Cees Veerman, niederländischer Landwirtschaftsminister, am Montag anlässlich der Wintertagung des Ökosozialen Forums in Wien. "Das wäre eine Zunahme von 50 Prozent im Vergleich zu heute." Damit, so der Minister, wird die weltweite Nahrungsmittelnachfrage logischerweise ebenfalls ansteigen. Gleichzeitig aber gibt es rund um den Erdball Bemühungen, Alternativen zu fossilen Brennstoffen zu entwickeln. Ein Weg dazu sind nachwachsende Rohstoffe wie Biosprit und Energie aus Biomasse. Veermans Conclusio: "Die Zeit der billigen Lebensmittel ist vorbei."

Verteilungsprobleme

Dabei werde es zu Verteilungsproblemen kommen, wenn die Politik nicht Rahmenbedingungen setzt, führte Franz Fischler, Präsident des Ökosozialen Forums, aus. Er fordert neue Aufgaben für internationale Organisationen wie die UNO. Schon jetzt sei zu beobachten, dass in armen Ländern des Südens "Energieproduktion zu noch mehr Hunger" führe. Etwa, indem auf Energieproduktion für den Export und damit Devisenbeschaffung gesetzt und die lokale Nahrungsversorgung als zweitrangig eingestuft werde. "In der südlichen Hemisphäre wird bereits mehr Energieäquivalent erzeugt als vom Erdölkonzern Shell", so Rudolf Schwarzböck, Landwirtschaftskammerpräsident.

Verschärft werde die Problematik durch "die Wahrscheinlichkeit, dass es häufiger zu wetterbedingten Missernten und Dürreperioden kommt", so Fischler.

Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, spricht sich deshalb für ein Mehr an politischer Einflussnahme aus. Bei einem globalisierten Agrarhandel müssten politische Rahmenbedingungen stärker gesetzt werden als bei abgeschotteten Märkten: Um Konflikte bei der Verwendung von Agrarprodukten möglichst hintanzuhalten und zumindest rudimentäre soziale und Umwelt-standards durchzusetzen.

Auch in der EU gelte es, die Weichen für eine breite agrarische Energieproduktion zu stellen, so Landwirtschaftsminister Josef Pröll. Bei den bald beginnenden Verhandlungen zum EU-Budgetrahmen ab 2013 müsse zu den bisherigen Aufgabenfeldern der Agrarpolitik, der ländlichen Entwicklung und den Agrar-Direktzahlungen, eine weitere Säule eingeführt werden: eine für die Energieproduktion. "Die drei Säulen müssen in einer Balance sein", spielt Pröll auf eine mögliche Verteilungsproblematik an. (ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2007)

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    Getreide als Nahrung – oder zur Energieproduktion: Ein Verteilungskampf, bei dem nur der Marktpreis zählt, würde benachteiligte Länder weiter benachteiligen.

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