"Russland ist eben Russland"

27. Februar 2007, 15:22
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Die russische Uralsib Bank expandiert von Moskau aus aufs flache Land. Dort sieht ihr Vizechef Dementiev die größten Stolpersteine für ausländische Banker in Russland

Wien – Der stellvertretende Vorstandschef der russischen Uralsib Bank, Alexander Dementiev, sieht in Russland "noch ein riesiges Geschäftspotenzial für Banken". Anlässlich eines Besuchs in Wien sprach der Banker davon, dass Russland "gleichzeitig over- und underbanked" sei: Zwar gebe es 1200 Institute im Land, andererseits aber sei die Relation des Bankgeschäftsvolumens im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt immer noch sehr gering, vergleichbar mit jenem in Rumänien; noch lange verfüge nicht jeder russische Haushalt über ein Bankkonto.

Die Uralsib selbst ist die fünftgrößte Bank Russlands (und die größte in Privatbesitz) – aus Mergern von fünf Banken entstanden – und gehört mehrheitlich (über die Uralsib Financial Corporation) dem russischen Oligarchen, Uralsib-Chef und Lukoil-Großaktionär Nikolai Tsvetkov, der Wladimir Putin "bei seiner Wiederwahl geholfen hat", wie es Dementiev ausdrückt. Etwas mehr als acht Prozent der Universalbank, die mit 525 Filialen über das drittgrößte Netz aller russischen Banken verfügt, stehen im öffentlichen Eigentum. Marktanteil derzeit: drei Prozent. 2010 sollen es fünf Prozent sein. Die Geschäfte macht man je zur Hälfte mit Privaten und kleinen Kommerzkunden, die maximal 100 Mio. Dollar im Jahr umsetzen.

Schnittpunkt mit westlichen Banken

Genau da befindet sich auch der Schnittpunkt mit den westlichen Banken, die längst ihre Füße in den riesigen russischen Markt gestellt haben. "Raiffeisen International oder die International Moscow Bank der BA-CA sind sehr ambitioniert in Russland. Unser Vorteil ist, dass wir bereits ein dichtes Filialnetz haben. Unsere ausländische Konkurrenz muss dafür sehr viel Geld ausgeben; die Implementierung von IT-Systemen und die schlechte Infrastruktur sind ihre größten Probleme", meint der Banker.

Vor allem die Expansion aufs flache Land sei für ausländische Konkurrenten sehr schwierig. "Dort herrscht eine völlig andere Tradition und Kultur als in Moskau – Russland ist eben Russland. Man kann hier nicht einfach westliche Methoden adaptieren, die Regionen funktionieren auch ganz anders als die Hauptstadt Moskau", beschreibt der Banker das "Hauptproblem für Ausländer auf dem russischen Markt".

"Da ist mehr drin"

Ob sein Institut mit ausländischen Partnerschaften liebäugle? Dementiev: "Wir selbst interessieren uns für regionale Partner – wären aber auch für ausländische Banken interessant." Die russischen Banken würden derzeit mit dem Drei- bis Vierfachen ihres Buchwertes gehandelt, seien damit "unterbewertet – da ist noch mehr drin". In Eile sei man bezüglich solcher Eigentumsfragen "aber nicht, allenfalls können wir uns bis 2009 auch einen Börsengang vorstellen".

In die Gegenrichtung – also gen Westen – strebe man nicht, sagt Dementiev zum STANDARD. "Wozu auch? In Russland gibt es wirklich genug für uns zu tun." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2007)

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    foto: standard/newald
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