Mehr Mut zum Bau-Experiment

12. Februar 2007, 19:14
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Der Energieausweis ist für die Architektin Renate Hammer eine Heraus­forderung an die gesamte Branche. Der Beratungsbedarf werde steigen, sagt sie im Interview

Das Gespräch führte Peter Illetschko.

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STANDARD: Maßnahmen wie der Energieausweis für Gebäude sollen die Emission durch den Wohnbau verringern. Inwieweit hat Ihr Department an der Donau-Uni damit zu tun?

Hammer: Wir beschäftigen uns vor allem mit der Schulung von potenziellen Berechnern solcher Ausweise, außerdem mit Überlegungen zur Harmonisierung von bestehenden Förderungsinstrumentarien sowie diversen Gebäudebewertungstools. Hinzu kommt jetzt das neue und verbindliche Instrument des Gebäudepasses, nach der für alle Mitgliedsstaaten ab 2008 verbindlichen EU-Gebäuderichtlinie.

STANDARD: Wie steht es mit dem Verständnis für umweltschonende Maßnahmen am Bau?

Hammer: Wir haben bei unseren Energieausweisprüfungen in Niederösterreich die Erfahrung gemacht, dass bei privaten Bauherren durchaus Verständnis herrscht. Es gibt zudem kaum Klagen über die Auflagen. Sie werden generell gut aufgenommen.

STANDARD: Wie weit ist die Umsetzung der EU-Richtlinie bislang gediehen?

Hammer: Sie ist prinzipiell eine große Herausforderung für die Branche. Die endgültige Einbindung der Richtlinie in die neun Landesgesetzgebungen ist noch nicht abgeschlossen. Wer zur Berechnung autorisiert sein wird, wie die landesspezifischen Teile der Berechnung aussehen, in welcher Form die berechneten Energieausweise einer Qualitätskontrolle unterliegen werden, wird noch diskutiert. Unsere Aufgabe ist derzeit, die Entscheidungsprozesse zu unterstützen, die Entwicklungen zu beobachten, um dann, sobald die Vorlage des Energieausweises verpflichtend ist, die Berechner unterstützen können.

STANDARD: Wo liegt der Beratungsbedarf?

Hammer: Der Bedarf wird dort groß sein, wo "neue" Begriffe eingebracht werden. Die entscheidende Veränderung besteht darin, wie schon der Name der EU-Richtlinie "Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden" sagt, dass es nicht mehr um singuläre Größen wie den Heizwärmebedarf pro Quadratmeter und Jahr gehen wird, sondern um die umfassende Performance des Gebäudes mit den Aspekten Wärme, Kühlung, Beleuchtung. Und das nicht nur für Neubauten, sondern ab 2009 für alle Gebäude, das heißt für Bestandsobjekte und Neuerrichtungen.

STANDARD: Wie schaut das Energiesparhaus der Zukunft aus?

Hammer: Der Mensch mit seinen physiologischen und sozialen Bedürfnissen sowie seinen kulturellen und ästhetischen Fähigkeiten muss auch unter dem Aspekt höchster Energieeffizienz die zentrale Größe der Architektur bleiben, sonst können wir das übergeordnete Ziel einer nachhaltigen Baukultur nicht erreichen. Unter dieser Voraussetzung kann das Haus der Zukunft gesehen werden. Hier braucht es mehr Mut zum Experiment. Die bauphysikalischen und technischen Grundlagen sind gegeben, wie der Energiestandard "Passivhaus" zeigt. Die ästhetische Herausforderung des energieeffizienten Bauens müsste noch mehr angenommen werden. Der entscheidende Faktor wird hier vielleicht der Umgang mit der Standortressource Tageslicht sein. Licht transportiert Wärme und bestimmt die optische Erscheinung der Gebäude. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2007)

Zur Person
Renate Hammer, Jahrgang 1969, studierte Philosophie und Architektur. Seit 2006 ist sie Leiterin des Fachbereichs Architektur- und Ingenieurwissenschaften des Departments für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems.
  • Renate Hammer
    foto: donau-uni

    Renate Hammer

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