"Die Nachteile sind immer laut"

7. März 2007, 14:31
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"Zehn Thesen zur Globalisierung und Wettbewerbsfähigkeit einer nationalen Volkswirtschaft" legt der Leiter des Wifo, Karl Aiginger, vor. Der STANDARD bringt Auszüge

Wien – Karl Aiginger, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), hat zuletzt mit dem "Weißbuch" der heimischen Wirtschaftspolitik ein Konvolut von Vorschlägen geliefert, die teils auch ins Regierungsprogramm eingeflossen sind. Begleitend gab er der Regierung auch die Warnung mit, gerade wegen der aktuell glänzend laufenden Konjunktur sei ein Zurücklehnen falsch. In seinen am Montag bei der Wintertagung des Ökosozialen Forums vorgelegten „Zehn Thesen zur Globalisierung“ wiederholt er dies unter Punkt neun: "Globalisierung ohne wirtschaftspolitische Begleitung ist unklug und unverantwortlich." Aiginger sagt prinzipiell, Globalisierung sei "die Erweiterung des Horizontes – von lokal zu global". Und: "Ein Fünftel der Wohlfahrtssteigerung Europas in den letzten 50 Jahren ist durch niedrigere Preise von Textilien, Spielzeug oder Computerteilen entstanden." Globalisierung beschleunige aber "notwendige Veränderungen". Sie sei "nicht die Ursache der Probleme", sie decke "Fehler in Wirtschaft und Gesellschaft" bloß schneller auf. Die Vorteile seien größer als die Nachteile, "doch nicht immer und nicht für jeden und jede", sagt Aiginger. Die Nachteile sehe man deutlich an der Stagnation Afrikas, die Vorteile an der Dynamik Chinas und Indiens. These drei: "Einkommensunterschiede innerhalb von Ländern, Raubbau, falsche Spezialisierung werden durch fremdbestimmte Globalisierung und ohne begleitende Wirtschaftspolitik verschärft."

Viertens: Globalisierung bringe Vorteile für flexible Menschen und Einheiten, Nachteile für ortsgebundene Faktoren. Die Öffentlichkeitswirksamkeit sei unterschiedlich: "Nachteile sind immer geballt und laut, Vorteile sind breit gestreut und leise."

Internationale Organisationen, die Liberalisierung fordern, aber den steigenden Politikbedarf nicht betonen, handelten fahrlässig, so der Wifo-Chef unter Punkt fünf. Europa sei – sechstens – Gewinner, leide aber an "unzureichender Innovation, Ausbildung und Infrastruktur, zu geringer Wachstumsorientierung der Geld- und Fiskalpolitik". – "Zu den internen Fehlern Europas zählt auch der Verzicht auf eine bewusste technologische Vorreiterschaft in Energie und Umweltpolitik." Dabei müssten – These sieben – Energieeinsparung und erneuerbare Rohstoffe Priorität erhalten. "Heute wird folgsam jede erdenkliche Energiemenge bereitgestellt."

"Dynamischer als USA"

Österreich liege als eindeutiger "Globalisierungsgewinner" inmitten eines Wirtschaftsraums, "der dynamischer ist als die USA": "Die Preise sinken durch die 'weite Globalisierung', die Wettbewerbskraft und die Exporte steigen durch die ‚nahe Globalisierung‘ (Osteuropa). Das Handelsbilanzdefizit ist eliminiert, Exporte boomen".

These neun verlangt "wirtschaftspolitische Begleitung" – konkret die "Reform der Ausbildung, Innovationen, intelligente Infrastruktur, eine wirtschaftlich abgesicherte Vorreiterpolitik in Ökologie und Energiepolitik, eine Neudefinition der Chancen des ländlichen Raumes". Der Wifo-Chef mahnt dabei ein "Element der Hilfe" ein, "global und in der Nachbarschaft." Zu den Agrarhilfen, also jenem Faktor, der die Doha-Entwicklungsrunde zum Stillstand gebracht hat, sagt Aiginger unter Punkt zehn: "Transfers sind nötig, national wie international. Aber Transfers, die nicht verändern, sondern bewahren, sind wohlfahrtsmindernd. Eine Agrarwirtschaft, die die Umwelt belastet, ist nicht finanzierbar und soll nicht finanziert werden." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2007)

  • Karl Aiginger mahnt "wirtschaftspolitische
Begleitung"
der Globalisierung ein.
    foto: standard/heribert corn

    Karl Aiginger mahnt "wirtschaftspolitische Begleitung" der Globalisierung ein.

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