"Tabakhysterische Anfälle"

28. März 2007, 15:00
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Kleines Lob der Mäßigung - August Ruhs zum Dauerbrenner "Rauchverbot"

Unter den gegenwärtigen Sozialallergien nehmen die Überempfindlichkeitsreaktionen gegenüber der Rauch-, beziehungsweise Nikotinkultur insofern eine besonders problematische Stellung ein, als sie auch mit gesellschaftspolitisch relevanten Folgen verbunden sind.

Insbesondere in der anhaltenden, unter dem "Schlagwort" des "Passivrauchens" stattfindenden Debatte, die sich oft in bedenkliche Nähe zur "Hundstrümmerl"-Diskussion begibt, offenbaren sich Diskriminierungstendenzen in einer Rhetorik, deren Begrifflichkeiten auch dem "Wörterbuch des Unmenschen" entnommen sein könnten.

In dieser bereits von zahlreichen politischen Maßnahmen begleiteten Diskussion steht dem "süßen Flirt mit der Gefahr", der auch den Rauchern nicht fremd sein dürfte, eine allgemeine Angststimmung auf der anderen Seite gegenüber, deren Steigerung in manchen Fällen von Fachkollegen bereits als "tabakhysterische Anfälle" gekennzeichnet werden.

Es ist betrüblich, dass sich auch gewohnt vernünftige Journalisten auf einen Demoralisierungsdiskurs einlassen und in ihrem Anti-Rauch-Fanatismus jene Toleranz, Besonnenheit und Mäßigung vermissen lassen, die man von Rauchern im Umgang mit ihrer Leidenschaft in Zukunft mit Recht erwarten darf.

Bei diesem Getöse fällt eine kompetente und zugleich ironische Stimme wie jene des Schweizer Immunologen Beda M. Stadler ("Und jetzt: Tief Luft holen", Standard, 31. Jänner 2007) wohltuend auf, weil sie sich einer Entwicklung entgegenstellt, die nicht nur auf eine Tabakprohibition zuläuft, sondern auch die Gefahr in sich birgt, dass die mit dem Rauchen verbundene passive Aktivität auf andere Bereiche des Genießens übergreift.

Wer weiß, ob nicht jemand auf den Gedanken kommen könnte, auf der Grundlage entsprechender physikalischer und physiologischer Theorien (Teleportation, Erweiterung des Homöopathiemodells etc.) etwa auch den Alkoholgenuss durch die Gefahr eines möglichen Passivtrinkens zu verpönen und zu verfolgen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.2.2007)

Zur Person
August Ruhs ist Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Wien.
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