Debatte über häuslichen Unterricht

15. März 2007, 15:18
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SPÖ und ÖVP sind sich einig, dass die Kontrollmechanismen verbessert gehören

Das Martyrium der drei Töchter aus besserem Haus begann unter anderem auch, als ihre Mutter durchsetzte, sie aus der Hauptschule Gramastetten zu nehmen und zu Hause zu unterrichten. Ab diesem Zeitpunkt fehlte eine Reihe von Stationen sozialer Kontrolle, die Kinder im schulpflichtigen Alter normalerweise passieren: Der Kontakt zu Nachbarskindern und Schulkollegen, Lehrern und Schulärzten fand nicht mehr statt.

Einfache Abmeldung

Fälle wie jener der Juristenfamilie vom Pöstlingberg werfen auch die Frage auf, ob das österreichische Schulunterrichtsgesetz, das in seinen Grundzügen aus dem Jahr 1986 stammt, noch zeitgemäß ist. Anders als in Deutschland ist es in Österreich vergleichsweise einfach, sein Kind aus dem Regelschulunterricht abzumelden und zu Hause selbst zu unterrichten (siehe Wissen). Die Mutter, eine studierte Juristin, erfüllte die Bedingungen ohne Probleme. Mit der Genehmigung des Bezirksschulrates hatte sie ein Jahr Ruhe von den Schulbehörden gewonnen: Denn das Gesetz sieht vor, dass die vom Unterricht abgemeldeten Kinder erst ein Jahr später, wenn es ans Zeugnisverteilen geht, in der Schule ihres Sprengels zur "Externistenprüfung" antreten. Zwischenzeitliche Kontrollen sind derzeit nicht vorgesehen.

"Da muss man in Zukunft sicher genauer hinschauen", meint SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser, "wir müssen die Kontrollmechanismen anziehen". ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek hat bereits einen konkreten Vorschlag: "Man muss sich überlegen, ob eine halbjährliche Prüfung zumindest am Beginn des häuslichen Unterrichts nicht Sinn macht. Dann kann man im Zweifelsfall eingreifen. Mir lässt die einjährige Prüfung zu viele Lücken."

Schulzwang in Hamburg

In Hamburg sorgte der Hungertod der neunjährigen Jessica für eine Verschärfung der ohnehin weit strengeren Regeln: Sie war durch alle Netze der Behörden gerutscht, die Beamten schickten Mahnbriefe, weil sie nicht zur Schule kam. Seit 2005 besteht in der deutschen Hansestadt nun sogar Schulzwang, Schüler können mit "Vollstreckungsbeamten vorgeführt" werden.

Für Aufsehen in deutschen Medien sorgte im Sommer 2006 der Fall einer gläubigen Familie aus Hamburg, die auf der Flucht vor der deutschen Schulbehörde in St. Wolfgang Unterschlupf fand, weil in Österreich "Homeschooling" erlaubt ist.

Neben religiösen Gründen (oft an der Grenze zur Sektenbildung) sind es oft ehemalige Lehrer, die ihren Kindern den Unterricht ihrer Ex-Kollegen nicht zumuten wollen. Genaue Zahlen über zu Hause unterrichtete Kinder gibt es nicht, Schätzungen für Österreich gehen von 0,5 Prozent der Kinder pro Schuljahr aus. (Barbara Tóth, DER STANDARD print, 12.2.2007)

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