Interview: Behörden "verharmlosen"

15. März 2007, 15:18
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Fehleinschätzungen der Behörden hätten das Drama erst ermöglicht, erklärte Sachwalterin der Kinder gegenüber dem STANDARD

STANDARD: Frau Tews, Sie wurden 2006 zur Sachwalterin der beiden volljährigen Töchter bestellt. Wie geht es den Mädchen heute?

Tews: Seit einem Jahr leben sie und auch das dritte Kind auf einem Therapiehof in Kärnten. Leider hatte die 21- Jährige einen schweren Rückfall, da es der Mutter gelang, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Dass sie jemals ein selbstbestimmtes relativ normales Leben führen kann, scheint aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich. Ich als Sachwalterin bin verpflichtet, auf rechtlichem Weg Schadenersatzansprüche geltend zu machen.

STANDARD: Was halten Sie wem konkret vor?

Tews: Bereits im Jahr 2001 war die Mutter im Wagner-Jauregg (Landesnervenklinik in Linz, Anm.) wegen Haluzinationen und Wahnvorstellungen in Behandlung. Seit 2001 kämpft auch der Vater vor Gericht um Änderungen beim Besuchsrecht. Nachbarn haben unzählige Male bei der Jugendwohlfahrt Alarm geschlagen. Schulbehörden und Ärzte wandten sich an die Jugendwohlfahrt. Und was passiert? Jahrelang schauen Jugendwohlfahrt und das Pflegschaftsgericht tatenlos zu. Die Behörden reden sich darauf hinaus, dass sie ohne gerichtlichen Beschluss nichts hätten unternehmen können.

STANDARD: Und dem ist offenbar nicht so?

Tews: Laut Paragraf 215 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches benötigt das Jugendamt keinen richterlichen Beschluss, wenn Gefahr im Verzug besteht. Was mich am meisten ärgert, ist, dass sich jetzt die Behörde hinstellt und versichert, alles Mögliche zum Wohl der Kinder getan zu haben. Anstelle zu erklären, man werde den Fall restlos aufklären, wird alles verharmlost. (Kerstin Scheller, DER STANDARD print, 12.2.2007)

Zur Person
Margreth Tews (51) arbeitet in Linz als Mediatorin sowie Lebens- und Sozialberaterin
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