Muster in der Minibar

11. Februar 2007, 19:12
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In der Galerie Krinzinger hat Thomas Zipp ein komplex verästeltes Schau- und Denkstück zu Adolf Loos installiert

Wien - Es ist durchaus nachvollziehbar, in Ursula Krinzingers noblen, reich stuckierten Innenräumen in der Wiener Seilerstätte an die verbrecherischen Folgen des gemeinen Ornaments zu denken und damit an Adolf Loos' Kulturkritik: "Der ungeheure Schaden und die Verwüstungen, die die Neuerweckung des Ornamentes in der ästhetischen Entwicklung anrichtet, könnten leicht verschmerzt werden, denn niemand, auch keine Staatsgewalt, kann die Evolution der Menschheit aufhalten. Man kann sie nur verzögern. Wir können warten. Aber es ist ein Verbrechen an der Volkswirtschaft, dass dadurch menschliche Arbeit, Geld und Material zugrunde gerichtet werden. Diesen Schaden kann die Zeit nicht ausgleichen."

Nun, die Evolution im Lauf der Jahre seit 1908 hat gezeigt, dass nach einer Phase der planmäßig rabiaten Fassadenverödung in den 50er- und 60ern zum einen die historische Substanz wieder liebevoll mit Zierrat bestückt wird. Und zum anderen scheut die verbreitetste Form der zeitgenössischen Architektur, das Einfamilienhaus, auch 2007 nicht vor verbrecherischen Erkern, Giebeln und regional vollkommen entwurzelten Balkonen oder Pelargonienstellagen zurück. Es ist halt doch gemütlicher so denn in Loos' ausschließlich nach weißen Mauern glänzenden Straßenzugsvisionen.

Rauschmittel

Immer noch gilt der Mangel an Ornament gemeinhin als Verbrechen, als grobe Unterlassung seitens der Architektur und der Handwerkskunst, die süße Sehnsucht nach Geborgenheit zu stillen. Weswegen ja auch Gefängniszellen stets karg gehalten werden - und bar aller Rauschmittel. Thomas Zipp, Berliner Künstler des Jahrgangs 1966, hat eine solche Zelle ins Zentrum seiner Installation the family of ornament und verbrechen gestellt. Nicht dem Blick, sehr wohl aber dem Zugriff der potenziellen Häftlinge entzogen, hat er eine gut sortierte Minibar mit verheißungsvoll hintergrundbeleuchteten Spirituosen installiert.

Den Straffälligen wird selbst die Droge entzogen, jenes vergleichsweise simple Mittel, das persönliche Umfeld nicht nur bunter und mehrfach verdoppelt, sondern auch mäandernd erfahrbar zu machen. Und noch weiter draußen in der Freiheit hat Zipp Andachtsräume eingerichtet, vermittels Kandelabern dramatisch inszenierte Ruhmeshallen - für die avancierteren unter den Rauschmitteln. Das je Allerheiligste ist in der Gestalt seiner Strukturformel präsent. Gesichtslose Büsten erscheinen als einladende Hüllen, selbst den Zeremonienmeister zu geben.

Ordnungselemente

Den Angehörigen der Familie von Ornament und Verbrechen rückt Zipp mit dem Kopierer an den historischen Leib, manipuliert deren seriöse Antlitze. Da offenbaren sich zweite Gesichter, strahlt allen erkenntlich die Aura, da wird lustvoll tätowiert und gepierct, während nebenan aus dem grauen Loos-gerechten Kasten mit dem funktional tadellosen Einbauklo die Ordnungselemente bunte Haufen bildend von den Fachböden purzeln.

"Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter. Es gibt Gefängnisse, in denen achtzig Prozent der Häftlinge Tätowierungen aufweisen. Die Tätowierten, die nicht in Haft sind, sind latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten. Wenn ein Tätowierter in Freiheit stirbt, so ist er eben einige Jahre, bevor er einen Mord verübt hat, gestorben."

Armer Adolf Loos, seine Zeit ist immer noch nicht gekommen, das Ornament hat auch die westlichen Körper eingenommen, nicht nur gelangweilte Adelige, jeder zweite Beamte zeigt sich unter seiner Tracht als Hobby-Papua-Neuguineer. Und auch die Chirurgie pfeift längst auf "form follows function". Und Thomas Zipp erfreut sich am prallen Leben. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2007)

Bis 10. März
  • Thomas Zipps Zelle für die seit Loos stetig steigende Zahl an Ornamentalverbrechern.
    foto: thomas zipp/ galerie krinzinger

    Thomas Zipps Zelle für die seit Loos stetig steigende Zahl an Ornamentalverbrechern.

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