Psychiater Friedrich: "Beneide die Therapeuten nicht"

15. März 2007, 15:18
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"Medien-Hype tut den Kindern nicht gut" - Opfer können autistisches Verhalten entwickeln

Wien- "Ich beneide die Therapeuten nicht", sagte der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich im APA-Gespräch als Reaktion auf das Bekanntwerden der Familientragödie im Großraum Linz, wo eine Mutter ihre drei Kinder jahrelang eingesperrt haben soll. "Wenn es stimmt, dass die Kinder seit einem Jahr in einer therapeutischen Einrichtung sind, wäre es eigentlich eleganter gewesen weiter zu schweigen. Der Medien-Hype tut den Kindern nicht gut."

Posttraumatisierte Kinder, die ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, können nicht in Ruhe verarbeiten, meint der Psychiater. Die Opfer, die in der Vorpubertät und Pubertät aus ihren sozialen Kontakten herausgeholt werden, können als Reaktion auf diese Geschehnisse ein autistisches Verhalten entwickeln. Jetzt komme es darauf an, wie man sie ins Leben zurückholt, erklärt Friedrich. "Und dabei kommt es auch wieder auf die einzelne Persönlichkeitsstruktur an."

Mühsamer Weg

Für die Kinder wird es jetzt ein mühsamer Weg zurück in die Realität. Nun müsse man in jedes Lebensalter zurückgehen, vom Martyriumsbeginn an, um ein soziales Leben aufbauen zu können. Den Kindern fehle es nicht nur an Bildung, auch der Suchprozess nach dem eigenen Ich, der Identifikation oder nach Leitbildern und Idealen sowie Intimität und das "Ablösen können" sei nicht gelungen.

Für Friedrich sei es kaum vorstellbar, dass drei lebende Kinder einfach verschwinden können. "Es gibt Einrichtungen, wie die Obsorgepflicht eines Kindes, die unangemeldet kontrollieren können." Und: "Was sagen Schulen, das Pflegschaftsgericht und der Vater dazu?"

Kein Kampusch-Vergleich

Friedrich möchte keinesfalls hier mit dem Fall Kampusch - der Psychiater hat Natascha Kampusch nach ihrem Auftauchen betreut - vergleichen. "Das ist etwas völlig anderes, wenn die Mutter einen festhält." Es seien bereits seit Geburt ganz bestimmte Bindungen und Beziehungsstrukturen vorhanden. "Es ist nur tragisch, wenn genau die Hand fehlgeleitet ist, der man sich anvertraut."

Jetzt gilt es aber, nicht nur den Kindern, sondern auch der Mutter Hilfe anzubieten, damit sie Einsicht in das Unrecht ihres Tuns bekomme. Bei bestimmten Erkrankungen funktioniere dieses Unrechtsbewusstsein nicht. Die Scheidung der Frau von ihrem Mann dürfte wahrscheinlich wie der Kö-Anstoß gegen eine Billiardkugel gewesen sein, um ihr Verhalten in Bewegung zu setzen. Die Mutter habe aber schon vorher eine erhöhte Vulnerabilität für eine bestimmte Krankheitsgruppe gehabt, glaubt Friedrich. (APA)

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